Du denkst, Treue ist das Fundament jeder guten Partnerschaft? Halt dich fest: Laut aktueller Forschung leben fast alle Säugetiere ganz anders. Wir Menschen sind die große Ausnahme – oder doch nicht? Wir teilen den ersten Platz mit Nagetieren und sind peinlich nah an Biber und Gibbon dran, während andere Primaten uns wie die ewigen Verführer aussehen lassen.
Ein Evolutionsanthropologe aus Cambridge hat das Mammut-Projekt gestartet: Er hat verglichen, wie oft Geschwister tatsächlich dieselben Eltern teilen. Und die Ergebnisse für den Homo sapiens sind ernüchternd, wenn man dem ewigen Ideal der Monogamie folgt. Zeit, die romantische Brille abzunehmen und zu schauen, wo wir wirklich auf der Treue-Skala stehen.
Der Monogamie-Test: So misst man echte Treue
Wie misst man überhaupt, ob ein Tier monogam ist? Man vergleicht nicht die Zeit, die sie am Küchentisch verbringen, sondern wer wann welche Gene weitergibt. Die simple, aber brutale Methode: Der Anteil an „Vollgeschwistern“ (gemeinsame Eltern) im Nachwuchs.
Ist dieser Anteil hoch, deutet vieles auf eine feste Bindung hin. Sinkt er, war wohl jemand fremdgehen, während der Partner vielleicht gerade auf Jagd war. Was wir dabei oft übersehen: Wir sind nicht oben auf dem Treppchen.

Die Liga der Treuen: Wo wir im Vergleich stehen
Wenn du dachtest, wir sind die moralischen Leuchttürme im Tierreich, muss ich dich enttäuschen. Wir landen ungefähr in der Mitte, eingeklemmt zwischen zwei sehr unterschiedlichen Kandidaten:
- Spitzenreiter (100% Treue): Die Kalifornische Maus. Die ist so treu, dass es wehtut.
- Der Mensch (ca. 66% Vollgeschwister): Wir liegen stabil über dem allgemeinen Tierschnitt, aber weit weg von der Perfektion.
- Unsere Nachbarn (Biber/Gibbons): Der Eurasische Biber liegt bei 73%, der Weißhandgibbon bei knapp 64%. Hier sind wir also mitten im Geschehen. Schon mal überlegt, wie dein Partner sich verhält, wenn du fürs Wochenende in die Berge fährst?
Der Schock: Welche Säuger uns in Sachen Treue deklassieren
Schau dir die anderen an, und du merkst, dass unsere Vorstellung von „normal“ extrem verzerrt ist. Fast 91% aller Säugetiere pflegen ein promiskuitiveres Verhältnis. Viele Arten halten sich nicht einmal die Mühe, Partner zu finden, die sie nicht betrügen.
„Insgesamt sind nur neun Prozent der Säugetiere monogam.“ – Das ist kein Witz, das ist eine evolutionäre Realität, die Mark Dyble von Cambridge herausgefunden hat.
Besonders hart trifft es unsere nächsten Verwandten, die Primaten, wenn wir die Affenwelt betrachten. Beim Schimpansen (Pan troglodytes) sinkt der Anteil der Vollgeschwister auf nur 4%. Stell dir diesen Wert für deine Nachbarschaft vor!
Die Verlierer der Monogamie-Statistik
Ganz unten in der Liste finden wir Akteure, bei denen das Wort „Bindung“ eher ein Gerücht ist. Wenn du das nächste Mal meckerst, weil dein WLAN kurz ausfiel, denk an diese Beispiele:

- Orca (3%): Ja, die intelligenten Killerwale sind genetisch nicht gerade Musterbeispiele für Zweisamkeit.
- Großer Tümmler (4%): Dein entspannter Delfin am Strand? Eher ein Flirt-Profi.
- Soayschaf (0,6%): Dieses Schaf von der schottischen Insel ist der absolute Tiefpunkt der Datenerhebung. Kaum vorstellbar, wie da die Familienfotos aussehen.
Der praktische Nutzen: Warum das für deine Gesellschaft zählt
Warum stört uns das alles? Weil dieser leichte Hang zur Untreue (die uns eben auf 66% schätzt) vielleicht unser größter evolutionärer Vorteil war. Dyble vermutet, dass diese geringe, aber vorhandene Bereitschaft zur Partnerwahl **die Entwicklung großer menschlicher Netzwerke** erst ermöglicht hat.
Der Hack für dein Beziehungsleben: Wir sind offenbar evolutionär darauf programmiert, kulturelle Vielfalt und Flexibilität in sozialen Bindungen zu tolerieren. Während andere Spezies starre Regeln brauchen, haben wir die Freiheit, Netzwerke über die engste Familie hinaus aufzubauen – das war der Turbo für unsere Kultur.
Wir sind monogam genug, um Kinder großzuziehen, aber flexibel genug, um aus der reinen Paarbindung auszubrechen und Gesellschaften zu bauen. Merke dir: Du befindest dich in der Minderheit, aber diese Minderheit ist extrem erfolgreich.
Aber mal ehrlich: Wenn selbst der Mensch „nur“ bei konstanten 66% liegt, was sagt das über die Erwartungen aus, die wir an unsere modernen Beziehungen stellen? Gibt es überhaupt Spezies, die so ehrlich miteinander sind wie diese Studien es zeigen?









