Haben Sie das Gefühl, dass Ihr wöchentliches Lauftraining mehr Pflicht als Freude ist? In den letzten Jahren galt der Run-Club als das Nonplusultra der sozialen Fitness. Doch ein massiver Trend kehrt diese Logik gerade um. Die Daten sind eindeutig: Wandern schlägt Joggen – und das nicht nur wegen der Aussicht. Wer jetzt noch verbissen Kilometer zählt, riskiert, den Anschluss an das wirklich angesagte Workout zu verlieren.
Der stille Triumph: Wie der gemütliche Trip den Sprint überholt hat
Wenn Sie in Deutschland erleben, wie die Fitnessstudios gefüllt sind, während die lokalen Parks immer belebter werden, dann sitzen Sie mitten in dieser Verschiebung. Die Fitness-Apps Strava und AllTrails zeigen es schwarz auf weiß: Wandergruppen verzeichnen ein exponentielles Wachstum. Bei Strava sind Wandergruppen fast doppelt so schnell gewachsen wie Laufgruppen.
Der Pandemie-Effekt, der nicht mehr verschwindet
Erinnern Sie sich an die Lockdowns? Wir mussten alle raus. Viele starteten mit Joggen, aber die Sehnsucht nach einer ungezwungenen Gemeinschaft blieb. Das scheint der Schlüssel zu sein. Während in den USA die Nationalparks 2024 Rekordzahlen feierten, spiegelt sich das im Trend wider: Es geht nicht mehr um Höchstleistung.

- Zugänglichkeit besiegt Ehrgeiz: Wandern ist einfach. Man braucht keinen spezifischen Trainingsplan für 10 Kilometer.
- Soziale Barriere ist niedriger: In Laufgruppen fühlt man sich oft unter Druck gesetzt. Wandern erlaubt Gespräche, nicht nur Keuchen.
- Nachhaltigkeit: Man verbrennt Fett und baut nebenbei Muskeln auf – besonders wenn man den Rucksack etwas schwerer packt (Stichwort Rucking).
Das versteckte Versprechen: Weniger Druck, mehr Nutzen
Viele übersehen, dass Laufen nicht für jeden Fitnesstyp funktioniert. Es ist hart für die Gelenke und erfordert oft eine spezifische Ausrüstung. Wandern hingegen ist unglaublich variabel. Heute gehen Sie gemütlich durch den Wald am nächsten Badesee, morgen nehmen Sie den schweren Rucksack für den Aufstieg in den Bayerischen Wald.
Das ist der entscheidende Punkt: Statt teurer Mitgliedschaften oder neuen High-Tech-Laufschuhen, reicht oft das, was Sie ohnehin haben. In meiner Praxis sehe ich immer öfter Klienten, die durch einfaches, langes Gehen mit leichtem Gewicht deutlich besser Fett verbrennen, als durch kurzatmige HIIT-Einheiten.
Der psychologische Trick der Einfachheit
Jonathan Jacobs, der Spaziergängergruppen in Los Angeles gründete, weiß genau, warum die Leute auftauchen: Es fühlt sich nicht nach Training an. Diese niedrige Einstiegshürde zieht alle an – vom gestressten Angestellten bis zum Anfänger, der sich für den ersten Laufclub zu unsportlich fühlt. Wir sehnen uns nach dem Analogen, weg vom ständigen Digitaldruck.
Man könnte fast meinen, Wandern ist die neue Form der Achtsamkeit, verpackt in einem sozialen Event. Es ist die Flucht aus der Leistungsgesellschaft, die sich in unserer Freizeit bemerkbar macht.

Ihr nächster Schritt: So steigen Sie entspannt um
Sie müssen Ihre Laufschuhe nicht sofort verbrennen (noch nicht). Aber Sie sollten das Wandern als ernstzunehmende Alternative sehen. Hier ein simpler Hack:
- Der Rucksack-Test: Nehmen Sie für Ihre nächste 60-minütige Wanderung einen Rucksack mit zwei gefüllten 1-Liter-Wasserflaschen. Das simuliert den „Rucking“-Effekt und maximiert den Fettverbrauch, ohne dass Sie sprinten müssen.
- Die „Flip-Flop“-Wanderung: Suchen Sie nach lokalen, sehr leichten Wegen – so leicht, dass Sie sie theoretisch in Alltagsschuhen schaffen würden. Das senkt die mentale Hemmschwelle drastisch.
- Keine Zeiten messen: Wenn Sie wandern, lassen Sie die Fitnessuhr auf lautlos. Der Fokus liegt auf der Konversation oder der Natur, nicht auf der Pace.
Wandern ist einfach, es ist gesellig und es scheint genau das zu liefern, was wir nach all den Jahren des Hochleistungssports suchen: echte Entspannung bei gleichzeitigem Nutzen.
Was denken Sie? Was hat Sie dazu gebracht, in den letzten Monaten mehr zu Fuß unterwegs zu sein – die soziale Komponente oder die Angst, etwas zu verpassen?









