Das Skelett, das unsere Ahnen-Story AUF DEN KOPF STELLT

Stellen Sie sich vor, Sie haben ein Puzzle, das perfekt in die Schublade „Menschliche Evolution“ passt. Zumindest dachten wir das. Doch nun wird das berühmte „Little Foot“-Fossil aus Südafrika seziert – und Astronomen ziehen Bilanz: Es könnte sich um eine komplett neue, uns unbekannte Spezies handeln.

Das ist kein kleines Detail, das die Geschichtsbücher neu geschrieben werden müssen. Wenn unser Verständnis der frühesten Menschen verwirrend wird, liegt das oft an einem einzigen Fundstück, das einfach nicht passen will. Genau das passiert jetzt mit dem fast vollständigen Skelett, das seit Jahrzehnten als eine Art Gipfel des Australopithecus galt.

Die Australopithecus-Verwirrung: Warum „Little Foot“ nicht mehr passen will

Seit seiner Entdeckung in den Sterkfontein-Höhlen 1998 galt „Little Foot“ (offiziell StW 573) als das Kronjuwel der frühen aufrecht gehenden Vorfahren. Man steckte es hinein in die gewohnte Form – entweder Australopithecus prometheus oder Australopithecus africanus. Zwei Etiketten, die grob passten, aber nie perfekt saßen.

Der wissenschaftliche Verrat: Was die Analyse wirklich zeigt

Ein internationales Forscherteam hat das Skelett unter das anatomische Mikroskop gelegt. Sie haben nicht nur geschaut, wo es Ähnlichkeiten gibt, sondern wo die Unterschiede liegen. Die Schlussfolgerung ist knallhart:

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  • Es weist keinen eindeutigen Satz definierender Merkmale auf, die es zu A. prometheus oder A. africanus machen.
  • Forscher vermuten nun, es sei ein bisher unidentifizierter menschlicher Verwandter.

Denken Sie mal darüber nach, was das bedeutet. Wir sprechen hier nicht über eine leichte Abweichung im Zahnschmelz, sondern über eine komplette Neuklassifizierung des Stammbaumes. Man muss sich das vorstellen, als würde man feststellen, dass in der deutschen Küche das Brot eigentlich eine ganz eigene Gattung ist, die nichts mit herkömmlichen Getreideprodukten zu tun hat!

Warum falsche Etiketten unsere Geschichte verbiegen

Für Laien klingt Taxonomie nach trockenem Stoff. Aber das ist sie nicht. Wenn Sie ein Fossil falsch einordnen, verzerren Sie Signale, wann wichtige Merkmale (wie der Gang oder die Ernährung) entstanden sind. „Little Foot“ ist so vollständig, dass es überproportionalen Einfluss darauf hat, wie wir die Entwicklung der Fortbewegung und Ernährung vor drei Millionen Jahren rekonstruieren.

Wenn dieses Fossil wirklich außerhalb der bekannten Spezies liegt, müssen alle Studien, die es als Referenz für A. africanus nutzten, neu bewertet werden. Das ist die beste Art von Chaos, die Wissenschaft erleben kann – weil es Fortschritt bedeutet.

Der Kontra-Intuitive Befund: Zwei Arten am selben Ort

Ronald Clarke, der Entdecker, hatte immer darauf bestanden, dass in Sterkfontein mehr als eine Hominidenlinie existierte. Das neue Team gibt ihm Recht (und das nach Jahrzehnten!).

Wir reden hier wahrscheinlich nicht von einer linearen Entwicklung, wie man es sich oft vorstellt, sondern von einer echten Urwald-Vielfalt. Mehrere menschenähnliche Arten könnten im gleichen Zeitraum im gleichen Habitat gelebt haben, möglicherweise unterschiedliche ökologische Nischen besetzt haben, ähnlich wie heute in vielen Regionen, auch hier bei uns, verschiedene Unterarten nebeneinander existieren.

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Praktischer Wert: Was bedeutet das für unser Selbstbild?

Auch wenn wir nicht täglich mit Fossilien hantieren, zeigt uns dieser Fund, wie unfassbar komplex und „buschig“ unser Stammbaum ist. Wir sind keine geradlinigen Nachfahren eines einzigen Vorfahren, der geduldig auf uns zugelaufen ist. Wir sind das Ergebnis diverser Evolutionsexperimente.

Der wichtigste Tipp, den wir aus der Paläoanthropologie mitnehmen können: Seien Sie skeptisch gegenüber jeder „endgültigen“ Erklärung der Vergangenheit. Es reicht meist eine Handvoll Knochen, um alles über den Haufen zu werfen. Halten Sie Ausschau nach Anomalien – sie sind oft der Schlüssel.

Die Wissenschaftler arbeiten nun mit 3D-Morphometrie und hochauflösenden Scans, um diesen neuen Verwandten zu benennen. Ein langsamer, konservativer Prozess. Aber die Richtung ist klar: Die Ur-Afrika-Landschaft war bevölkert von mehr Akteuren, als wir bisher dachten.

Was denken Sie? Glauben Sie, es gibt noch weitere, unentdeckte „cousins“ unserer Art, die im Boden auf ihren großen Auftritt warten?

Philip Wienberg
Philip Wienberg

Co-founded Germany's first alcohol-free craft beer brand in 2018. Now a freelance Copywriter & Creative Director with 15+ years in top German ad agencies. Led teams of 30+ creatives, winning 100+ awards together - some even for real work, not just the award circuit.

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