Diesen Erziehungsfehler bereue ich: Warum „Old School“ meine Kinder fast zerstört hätte

Haben Sie manchmal das Gefühl, dass Sie mit Ihren Kindern nach der alten Schule erziehen – streng, nach dem Motto „Weil ich das sage“? Ich auch. Als meine beiden ältesten Kinder klein waren, dachte ich, das sei die Methode, die sie stark macht. Heute, mit vier wundervollen Kindern unterschiedlichen Alters, sehe ich das anders. Und ich sage Ihnen: Ich wünschte, ich hätte **viel früher** meinen Erziehungsstil umgestellt.

Wenn Sie immer noch glauben, dass sanfte Erziehung (Gentle Parenting) gleichbedeutend mit Nachgiebigkeit ist, dann lesen Sie jetzt weiter. Denn genau dieser weit verbreitete Irrglaube hat mich jahrelang davon abgehalten, die stabilste Basis für meine Kinder zu schaffen. Es geht nicht darum, Regeln abzuschaffen, sondern darum, wie diese Regeln vermittelt werden.

Der Mythos der „harten Liebe“: Was ich verwechselt habe

Wir sind beide mit dem klassischen „Entweder so oder gar nicht“-Prinzip groß geworden. Wir haben diese Muster automatisch auf unseren Nachwuchs übertragen. Wir wollten Respekt, aber wir erzeugten oft nur Angst vor unserer Reaktion – sei es Anschreien oder Ignorieren.

Gerade weil keines unserer Kinder biologisch unseres ist und wir früh mit Traumata in der Adoptionsgeschichte konfrontiert wurden, mussten wir lernen: Der Aufbau von tiefem Vertrauen ist die Grundlage allen Lernens. Ohne dieses Fundament wirken Konsequenzen wie reine Machtspiele.

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Warum Angst-Erziehung kurzfristig funktioniert, aber langfristig scheitert

Viele Eltern in Deutschland sind stolz darauf, wenn ihre Kinder funktionieren – solange sie unter Aufsicht sind. Aber was passiert, wenn Sie nicht da sind, um einzugreifen? Angstbasierte Erziehung lehrt Kinder nur, Konsequenzen zu *vermeiden*, nicht, richtige Entscheidungen zu *treffen*.

  • Die Illusion der Widerstandsfähigkeit: Kinder lernen durch sanfte Begleitung Strategien, nicht durch Drill.
  • Das Problem mit Taschengeld: Ich musste lernen, meinen Kindern zuzusehen, wie sie ihr gesamtes Geld für Unnötiges ausgeben. Die Konsequenz? Kein Geld mehr bis zum nächsten Monat. Das ist echtes Lernen, keine Strafe.
  • Emotionale Reife entwickeln: Das erreicht man nur, wenn Kinder wissen, dass ihre Gefühle valide sind, selbst wenn ihr Verhalten korrigiert werden muss.

Der Wendepunkt: Warum ich aufgehört habe, „richtig“ funktionieren zu wollen

Ich musste mir eingestehen: Meine eigene Kindheit war das einzige Modell, das ich kannte. Der Weg zur sanften Erziehung bedeutete für mich, aktiv an meiner eigenen Reaktionsweise zu feilen. Das war oft unangenehm, weil es bedeutete, meine eigenen tief verwurzelten Muster zu hinterfragen.

Der Schlüssel liegt in der Vorbildfunktion. Wir können nicht erwarten, dass unsere Kinder empathisch sind, wenn wir selbst in Stresssituationen auf harsche Kritik zurückfallen. Viele Eltern in meinem Bekanntenkreis denken, Gentle Parenting sei eine Einladung zum Chaos, weil der autoritäre Rahmen fehlt. Das Gegenteil ist der Fall.

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So sieht das „neue“ Ergebnis aus: Eltern als Fels in der Brandung

Wer meine Kinder heute sieht – egal ob die baldigen Teenager oder der Neunjährige –, sieht Respekt, aber keinen Gehorsam aus Angst. Sie wissen, dass ihre Stimme in der Familie zählt.

Ein praktischer Schritt, den Sie sofort umsetzen können: Wenn Ihr Kind einen Fehler macht, vermeiden Sie den Satz „Ich hab’s dir doch gesagt!“. Ersetzen Sie ihn durch: „Ich sehe, das war schwierig. Lass uns schauen, wie wir das jetzt gemeinsam geradebiegen. Ich stehe hinter dir.“ Diese Haltung nimmt die Scham und fördert die Problemlösungskompetenz. Sie kennen ihren Platz – nicht, weil sie befolgen müssen, sondern weil sie wissen, dass wir ihnen den Rücken stärken, egal wie groß der Fehler war.

Dieser bewusste Weg hat unsere Beziehungen geheilt und mir die Gewissheit gegeben, dass meine Kinder als selbstbewusste, lösungsorientierte junge Erwachsene in diese Welt gehen. Sie respektieren uns, weil wir ihre Reise respektieren.

Wie oft ertappen Sie sich dabei, dass Sie aus alter Gewohnheit heraus reagieren, obwohl Sie es besser wissen? Welche Tradition aus Ihrer Kindheit würden Sie heute sofort ändern?

Philip Wienberg
Philip Wienberg

Co-founded Germany's first alcohol-free craft beer brand in 2018. Now a freelance Copywriter & Creative Director with 15+ years in top German ad agencies. Led teams of 30+ creatives, winning 100+ awards together - some even for real work, not just the award circuit.

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