Stellen Sie sich vor, Sie haben vier Jahre lang erfolgreich auf Alkohol verzichtet, fühlen sich fitter, wacher und haben endlich Ruhe vor diesen lästigen inneren Verhandlungen. Klingt nach einem perfekten Deal, oder? Doch selbst wenn die Vorteile überwiegen, gibt es Momente, in denen man sich wünscht, man hätte einen Knopf drücken können, um die neugierigen Blicke und Rechtfertigungsgespräche einfach abzustellen. Ich teile heute die drei Dinge, die mich nach 4 Jahren Nüchternheit am meisten nerven – Dinge, die Sie möglicherweise auch erleben, wenn Sie bewusst anders leben als der Durchschnitt.
Der Mythos vom „normalen“ Konsum
Vor ziemlich genau vier Jahren saß ich verkatert da und beschloss: Schluss mit der Gewohnheit. Aus einem „Dry January“ wurden drei Monate, weil die gewonnene Energie schlicht nicht zu ignorieren war. Jetzt sind es vier Jahre. Mir ging es nie besser, das starre Gefühl intensiver Konzentration ist mein neuer Standard. Aber sobald man das Thema anspricht, kippt die Stimmung im Raum.
1. Die unendliche Rechtfertigungs-Spirale
Jedes Mal, wenn ich erwähne, dass ich keinen Alkohol trinke, folgt die obligatorische Frage, oft von Leuten, die ich kaum kenne: „Wie, du trinkst nicht? Warum?!“ In Deutschland, wo jeder zweite das Glas Wein am Abend als gesellschaftlichen Kitt ansieht, fühlt man sich schnell wie ein Außenseiter. **Es nervt, weil die Frage selten echtes Interesse zeigt, sondern oft Unglauben transportiert**.

- Die Frage ist oft übergriffig – niemand muss seine Krankengeschichte auf einer Party darlegen.
- Deutschland gehört zu den Top-Konsumentenländern in der EU; Abstinenz wird als statistische Anomalie betrachtet.
- Viele Menschen empfinden Ihre Entscheidung als stillen Vorwurf gegen ihren eigenen Konsum.
Man sollte bedenken: Die Antwort kann weitaus intimer sein, als man denkt. Aber das muss man nicht jedem Fremden erklären.
2. Die Selbstverteidigungs-Erzähler
Das ist fast so anstrengend wie die Rechtfertigung: Kaum bin ich aus der Schusslinie, fangen andere an, ihre eigenen Trinkgewohnheiten zu verteidigen. Sätze wie: „Ich trinke ja selbst auch super selten, nur am Wochenende ein Glas!“ höre ich oft, während die Person neben mir gerade ihr zweites Feierabendbier aufmacht. **Es ist, als müssten sie ihren Konsum sofort validieren, nur weil ich nicht mittrinke.**
Ich verurteile niemanden – ich habe Alkohol selbst genossen. Aber warum diese plötzliche Beichte? Wahrscheinlich, um das Gespräch aufrechtzuerhalten oder um sich selbst zu versichern, dass alles im grünen Bereich ist. Ein unnötiger Tanz.
3. Der nervige „Gesundheits-Mythos“
Kommen wir zum Klassiker in jeder deutschen Runde: „Aber ein bisschen Rotwein soll doch gut fürs Herz sein!“ Früher fand ich das super, um meinen eigenen Konsum zu legitimieren. Heute weiß ich: Das ist wissenschaftlich längst überholt und wird oft nur noch zur Schönfärberei genutzt.
Neuere, methodisch saubere Auswertungen zeigen: **Es gibt keinen Nachweis, dass moderater Konsum besser ist als gar kein Konsum.** Im Gegenteil: Zahlreiche Studien zeigen die Verbindung zu mindestens sieben Krebsarten – unabhängig davon, ob es Bier oder Wein ist.

Der wahre Wert der Abstinenz (Der Hack)
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) rät mittlerweile sogar komplett zum Verzicht. Und die WHO ist da noch klarer. Wissen Sie, was ich damals mit einem einfachen Trick umgesetzt habe, um den Drang in Stresssituationen zu stoppen?
Praxistipp gegen den Drang: Wenn Sie merken, dass der Gedanke an Alkohol kommt („Puh, jetzt ein Glas Wein wäre gut“), dann ersetzen Sie diesen Gedanken nicht durch „Ich muss verzichten“, sondern durch einen spezifisch besseren Ersatz. Bei mir war es anfangs ein Ritual: Ein großes Glas Sprudelwasser mit einer halben Limette und einem Löffel hochwertigem Mineralienpulver. Die sofortige sensorische Umstellung (Kälte, Säure, prickelnd) hat den neuronalen Pfad des verlangten Dopamins unterbrochen. Probieren Sie es mit einer nicht-alkoholischen Alternative, die eine ähnliche Befriedigung bietet.
Ich würde heute lieber Tausenden Fremden meine Entscheidung erklären, als wieder in diesen Kreislauf der Rechtfertigung durch den Konsum einzusteigen. Das Leben ist klarer, die Energie stabiler. Aber ich frage mich oft: Wie lange dauert es, bis die Gesellschaft unseren *Verzicht* als genauso normal ansieht wie den *Konsum*?









