Nachdem die Kinder ihr Studium begannen und das Haus leer wurde, stand ich vor einer Entscheidung, die viele Mütter kennen: Was nun? Anstatt sofort meine nächste Verpflichtung anzunehmen, buchte ich eine Kreuzfahrt – ganz allein. Ich gebe zu, der Gedanke, mich auf einem riesigen Schiff nur um mich selbst kümmern zu müssen, klang erst irritierend. Hätte ich es nicht getan, würde mir heute etwas Entscheidendes im Leben fehlen.
Viele denken, allein Reisen bedeutet Einsamkeit. Das ist der größte Irrtum, den ich widerlegen kann. Ich erinnere mich noch genau: Ich scannte meine SeaPass-Karte, das warme Lächeln der Crew fühlte sich wie eine Begrüßung nur für mich an. Endlich keine Diskussionen mehr darüber, wann das Frühstück stattfinden muss oder wer wieder das Handtuch auf der besten Sonnenliege platziert hat. Diese Tage gehörten einfach mir.
Der Schock: Einsamkeit bleibt aus, Freiheit triumphiert
Als Mutter sind die eigenen Wünsche oft im großen Familienplan verschwunden – irgendwo zwischen Schulaufführungen und Mannschaftstrainings. Auf der Kreuzfahrt war das anders. Ich musste niemandem hinterherlaufen, niemanden motivieren. Paradoxerweise füllte das die Leere, die ich befürchtet hatte, mit neuer Energie.

Kontrolle zurückgewinnen: Wenn das Gespräch mit der Fremden zählt
Ich gebe es zu: Smalltalk ist nicht meine Sportart. Aber auf diesem Schiff musste ich anders agieren. Ich saß im Central Park des Schiffes, bestellte nicht meinen üblichen Kaffee, sondern fragte die Dame neben mir nach ihrem leuchtend pinken Cocktail. Normalerweise hätte ich mich für diese „Störung“ entschuldigt.
Doch hier passierte etwas Unerwartetes: Ein kurzes, nettes Gespräch entspann sich. Kein tiefgründiger Austausch, aber ein mentales Training. Ich merkte: Wäre ich mit Mann oder Kindern gereist, hätte ich dieses Risiko nicht eingegangen, weil mein Fokus auf dem Wohl der anderen gelegen hätte. Genau dieser Moment gab mir ein Gefühl der Selbstwirksamkeit zurück, das mir im Alltag fehlte.
Der Luxus des Tisches für eine Person
Der erste Abend im Hauptspeisesaal war der eigentliche Wendepunkt. Ein Tisch nur für eine Person. Im Gegensatz zu früher, als ich mich hinter einem Buch versteckt hätte, traf ich eine bewusste Entscheidung: Ich schaute. Ich beobachtete die anderen Passagiere, dachte nach. Es war keine Zeit der Eifersucht, sondern tiefer Dankbarkeit.
- Kein Druck, Witze oder Geschichten erzählen zu müssen.
- Volle Konzentration auf den Geschmack des Essens.
- Die Möglichkeit, die ruhige Seele aufzutanken, ohne Ablenkung.
Diesen Luxus der ungeteilten Aufmerksamkeit für sich selbst gönne ich mir zu Hause viel zu selten. Das Abendessen war eine Lektion darin, wie wichtig diese bewusst isolierten Momente sind – wie ein Filter, der den ganzen Familienstress der letzten Jahre beseitigt.

Ihr praktischer Zugewinn: Die „Solo-Regel“ für den Alltag
Die Erkenntnis einer Solo-Kreuzfahrt lässt sich leicht auf den Alltag übertragen – selbst wenn Sie in Deutschland leben und nicht gerade am Hafen von Palma sitzen:
- Die 30-Minuten-Regel: Blockieren Sie jeden zweiten Tag 30 Minuten in Ihrem Kalender, die niemand belegen darf. Das ist Ihre „Solo-Zeit“ – keine Erreichbarkeit.
- Wählen Sie einen „fremden“ Cocktail: Bestellen Sie im Café bewusst etwas, das Sie noch nie probiert haben. Das simuliert den kleinen Mutausbruch, den Sie auf dem Schiff hatten.
- Reflexions-Fenster: Nutzen Sie beim Pendeln (Stichwort: Deutsche Bahn-Verspätungen!) nicht das Handy, sondern schauen Sie bewusst aus dem Fenster – genau wie am Schiffsrand.
Die Reise ist vorbei, aber die Lektionen sind geblieben. Selbstfürsorge ist keine egoistische Handlung, sondern die Basis dafür, dass man für andere eine gute Ressource bleibt. Würde ich es wieder tun? Absolut. Denn manchmal muss man das Vertraute hinter sich lassen, um zu sehen, wie stark man wirklich ist.
Wann haben Sie das letzte Mal bewusst etwas gemacht, das nur Ihren Bedürfnissen diente?









