Darum hast du Angst vor deinem Hobby: Es zerstört deine Karriere – oder rettet sie

Das Wort „Hobby“ hat oft diesen faden Beigeschmack, finden Sie nicht auch? Es klingt nach schlecht gestrickten Topflappen oder dem heimlichen Sammeln von Modellautos im Keller. Ich dachte lange, Hobbys seien nur Ablenkung für Menschen ohne echte Ambitionen – ein Luxus, den ich mir als junge Karrierefrau in New York einfach nicht leisten konnte.

Ich lebte nach einem gnadenlosen Plan: Tagesjob in der Werbung, nachts freiberuflich schreiben, manchmal 18 Stunden am Tag. Mein Ziel: Die große Schriftstellerin zu werden. Strikte Linientreue zur Arbeit war mein Mantra.

Aber ich war auf dem besten Weg, komplett auszubrennen. Und das Schlimmste? Mein Ziel verschob sich ständig, aber die innere Leere blieb konstant. Ich kletterte eine Leiter hoch, deren Spitze ich nie erreichte.

Der 100-Meilen-Schock im Hinterkopf

Während ich mich durch diesen endlosen Karriere-Zirkus quälte, las ich zufällig über Trailrunner, die 160 Kilometer am Stück durch Berge liefen. Diese Menschen wirkten lebendig. Sie waren frei von dem Druck, den ich mein ganzes Leben fühlte.

Ich erkannte: Meine Träume für mein Leben waren viel kleiner als sie sein müssten. Ich brauchte Ziele, die komplett in meiner eigenen Macht standen, nicht in der Hand eines Redakteurs oder Kunden.

Ich fing an. Im Griffith Park. Am Anfang schaffte ich nicht einmal den steilen Anstieg zum Observatorium, ohne kehrend wieder umzukehren, um Luft zu schnappen. Das war demütigend.

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Der Sieg über den Asphalt: Mein erstes Gefühl von Freiheit

  • Die ersten Monate brannten die Waden bei jedem Anstieg.
  • Ich studierte Trainingsstrategien, lernte, wie man bergauf lehnt.
  • Schließlich erreichte ich das Observatorium. Ich stand da, keuchend, blickte auf die Stadt und spürte eine intensive, kindliche Freiheit.

Plötzlich war ich süchtig. Nicht nach dem Erfolg, sondern nach dieser rohen, ungefilterten Erfahrung. Mein Training bestimmte plötzlich meinen Schlaf, meine Wochenenden waren dem Laufen gewidmet – und mir war egal, was andere dachten. Genau das hatte mir in der Agentur gefehlt.

Der subversive Akt: Leben um das Hobby herum gestalten

Drei Jahre später? Ich habe Ultraläufe absolviert, tausche meinen Urlaub gegen Laufcamps ein und lebe jetzt in einer Hütte am Waldrand, weit weg vom Echo Park-Stress.

Hier in Deutschland sehen wir das Gleiche, oder? Während die Arbeitsmoral sinkt – besonders bei den Jüngeren, die merken, dass der Traum vom sicheren Aufstieg bröckelt – gibt es einen Aufstand. Laufclubs werden zu den neuen sozialen Treffpunkten, Wandergruppen ersetzen die Bar, und Brettspielabende sind populärer als je zuvor.

Wir gestalten unser Leben um die Arbeit herum: Welche Stadt, welche Wohnung, welcher Pendelweg? Viele von uns holen sich ihre Handlungsfähigkeit zurück, indem sie den Fokus umdrehen: Bau das Leben um das Hobby auf.

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Der „Mind Surfing“-Faktor: Hobbys sind mehr als nur Stressabbau

Experten bestätigen das. Im antiken Griechenland bedeutete Freizeit keine Couch. Sie bestand aus Debatten, Philosophie, Astronomie – geistig anspruchsvolle Aufgaben. Wenn wir Freizeit haben und nicht wissen, was wir tun sollen, weil wir jahrelang nur gearbeitet haben, fühlen wir uns unruhig und schuldig.

Ich sprach mit Mary Beth Yale, einer Managerin in L.A., die ihr Leben aufs Surfen ausgerichtet hat. Als sie nach Mexiko zog, fragte ihre Schwester: „Warum musst du so viel surfen?“ Ihre Antwort: „Warum sollte ich es nicht tun dürfen?“

Dieses extreme Engagement für ein Hobby mag bei manchen Kollegen Verwirrung stiften. Doch es ist ein Akt des Widerstands gegen die Burnout-Kultur, die Chefs oft fördern.

Mein Lifehack: So finden Sie Ihr tiefgehendes Hobby

Es geht nicht darum, etwas „Einfaches“ zu finden. Es geht darum, eine Nischenwelt zu betreten. Wenn Sie sich für Trailrunning, Fliegenfischen oder sogar komplexes Stricken entscheiden (ja, ich habe mein Strickzeug wiederentdeckt!), suchen Sie nach folgenden Dingen:

  • Eine Tradition und Geschichte: Gibt es Bücher, Podcasts, Experten, denen Sie folgen können? Sie müssen in diese Welt „eintauchen“ können.
  • Messbarer Fortschritt: Das Gefühl, wenn man den ersten Meter schneller läuft oder die erste komplizierte Masche meistert, ist unschlagbar.
  • Ausrüstung, die Spaß macht: Geld für echte Laufschuhe auszugeben fühlt sich besser an als sinnlose Shoppingtherapie. Man investiert in das Werkzeug für die eigene Freiheit.

Ironischerweise hat mich das Laufen – mein „unproduktives“ Hobby – gelehrt, meine eigentliche Arbeit kreativer und neugieriger anzugehen. Ich sah meinen Job nicht mehr als Prüfung, sondern als ein Feld, das es zu erkunden galt.

Früher wusste ich nicht, wer ich ohne meine Karriere war. Heute ist meine Karriere das, was ich tue, wenn ich gerade nicht meinen Hobbys nachgehe.

Haben Sie auch eine Aktivität, die Sie heimlich mehr lieben als Ihren Job? Oder ist die Angst, das Hobby zu ernst zu nehmen, bei Ihnen auch omnipräsent?

Philip Wienberg
Philip Wienberg

Co-founded Germany's first alcohol-free craft beer brand in 2018. Now a freelance Copywriter & Creative Director with 15+ years in top German ad agencies. Led teams of 30+ creatives, winning 100+ awards together - some even for real work, not just the award circuit.

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