Stellen Sie sich vor, Sie haben hart für ein wichtiges Projekt gearbeitet, sind knapp gescheitert, und plötzlich bietet man Ihnen an, es noch einmal zu versuchen – aber mit halben Ressourcen. Genau das passiert gerade im koreanischen KI-Sektor. Das Ministerium für Wissenschaft und ICT versprach eine „Wiederaufstiegsrunde“ für gescheiterte Teams des nationalen KI-Topmodell-Projekts (Dokpa-Mo), doch die Reaktion der Branche ist eisig.
Warum zögern Tech-Riesen wie Naver oder NC AI, obwohl die Chance auf staatliche Förderung lockt? Die Industrie befürchtet, dass diese zweite Chance eher eine Falle als eine Rettungsleine ist. Wir schauen uns an, warum dieses überraschende Angebot beim Großteil der Unternehmen auf Ablehnung stößt.
Was war das „Dokpa-Mo“-Desaster?
Ursprünglich war das Ziel klar: Fünf Elite-KI-Teams sollten in mehrmonatigen Phasen bewertet werden, bis am Ende nur zwei staatlich geförderte Gewinner übrig bleiben. Dieses System sollte den härtesten Wettbewerb garantieren.
Doch nach der ersten Runde gab es nicht nur einen, sondern zwei Ausfälle. Gerüchte über die Einhaltung der „From Scratch“-Entwicklungsrichtlinien und die relative Bewertung führten zu dieser Entwicklung. Die Lösung des Ministeriums: Ein Team wird per Nachausschreibung nachnominiert, um wieder auf vier konkurrierende Teams aufzustocken.
Die verlockende Aussicht
Das neue Team erhält dieselbe Ausstattung wie die etablierten: Zugang zu hochmodernen GPUs (wie der B200), Datenressourcen und den prestigeträchtigen Titel „K-AI Company“.
Auf dem Papier klingt das fair. Doch die Experten sehen tiefer liegende Probleme, die viel wichtiger sind als die reinen Ressourcen.

Der Haken: 6 Monate Rückstand und die Fairness-Frage
Das größte Problem ist der zeitliche Versatz. Die ersten drei Teams arbeiten bereits seit einem halben Jahr mit voller Kraft. Man kann nicht einfach sagen: „Wir geben euch jetzt die gleichen GPUs und holen in sechs Monaten auf.“
Im Gespräch mit Branchenkennern wird schnell klar: Dieser Rückstand ist real und kaum aufzuholen. Wer sich jetzt bewirbt, startet auf dem Papier zwar gleich, praktisch aber im Rückstand.
- Zeitdruck: Laufende R&D-Pläne müssen über den Haufen geworfen werden.
- Gleiche Bedingungen? Wie soll ein Team, das später startet, in einer Vergleichsbewertung mit einem bereits etablierten Team mithalten?
- Der „Bauernopfer“-Effekt: Viele befürchten, nur für das Scheinbild eines harten Wettbewerbs rekrutiert zu werden, nur um am Ende wieder ausgeschieden zu sein.
Die Profis ziehen bereits die Notbremse
Die Haltung der großen Player ist ernüchternd. Sie zeigen wenig Bereitschaft, die neue Runde anzunehmen:
- NC AI: Hat offiziell erklärt, dass sie eine erneute Teilnahme nicht in Betracht ziehen. Sie wollen ihre Stärken nun auf spezialisierte Industriemodelle lenken.
- Naver Cloud: Respektiert die Entscheidung, sieht aber aktuell keinen Grund zur sofortigen Wiederanmeldung.
- Kakao: Hat ebenfalls eine klare Absage erteilt.
Ein Manager eines anderen Unternehmens fasste die Stimmung zusammen: „Wir waren gerade dabei, den Frust über das Ausscheiden zu verarbeiten. Jetzt kommt diese Nachricht, und alle fragen sich: Was soll das?“

Der Schatten der Gerüchteküche
Ein weiterer wichtiger Faktor, der viele abschreckt, ist die fehlende Transparenz über die *echten* Gründe für das Ausscheiden der ersten Teams und die genauen Kriterien der Nachbesetzung.
In der Branche munkelt man, die Regierung habe bereits einen bevorzugten Kandidaten im Kopf. Wer sich jetzt positioniert, läuft Gefahr, nur als Füllmaterial für eine Show-Veranstaltung zu dienen.
Das Ministerium beteuert, es ginge nur darum, den härtesten Wettbewerb zu schaffen. Aber wenn die vermeintlichen Top-Kandidaten die Einladung ablehnen, spricht das Bände über das Vertrauen in den Prozess.
Fazit: Vertrauen ist die teuerste Ressource
Diese unerwartete zweite Chance ist ein Lackmustest für das Vertrauen der Industrie in staatliche Großprojekte. Während die Regierung versucht, durch Flexibilität den Wettbewerb zu retten, sehen viele Unternehmen das Risiko als zu hoch an.
Es stellt sich die Frage: Ist die Aussicht auf staatliche Unterstützung und die begehrten GPUs diese intellektuelle und strategische Unsicherheit wert? Oder wird der Rückzug der Großen signalisieren, dass Eigeninitiative der einzig verlässliche Weg für koreanische KI-Spitzenleistungen ist?
Was denken Sie? Würden Sie nach einem Rückschlag alles riskieren, nur weil der Staat eine überraschende zweite Chance anbietet, auch wenn Sie wissen, dass die anderen schon voraus sind?









