Für viele ist Mathe ein Buch mit sieben Siegeln – besonders wenn man Zahlen nur hören kann. Die Hemmschwelle, sich mit abstrakten Konzepten wie Geometrie oder Zahlenreihen auseinanderzusetzen, ist bei sehbehinderten Kindern extrem hoch. Viele vergessen diese Lektionen schnell wieder, weil der Zugang fehlt.
Doch was in Mysore passiert, krempelt die Lernwelt um. Eine lokale Stiftung hat eine Methode entwickelt, die nicht nur funktioniert, sondern sogar dazu führt, dass die Kinder selbstbewusster im Umgang mit Zahlen an die Sache herangehen. Wenn Sie dachten, Tasten sei nur für Schrift, werden Sie jetzt eines Besseren belehrt.
Warum herkömmliches Mathematik-Lernen scheitert
Stellen Sie sich vor, Sie sollen sich einen Würfel nur durch Hören vorstellen. Fast unmöglich. Im traditionellen Unterricht für blinde Schüler dominieren Audios und Braille-Schrift, was bei dynamischen Konzepten wie Addition oder dem Unterschied zwischen einem Kreis und einem Quadrat oft versagt.
Viele Pädagogen übersehen einen einfachen Mechanismus: Das Tasten ersetzt das Sehen nicht, es erschafft das Verständnis neu. Wer denkt, man könne Zahlen nur mit dem Mund oder dem Ohr vermitteln, ignoriert die Macht der Hände.

Die „fühlbare“ Revolution
Ein Mathematik-Pionier, Krishna Murthy, erkannte, dass konkrete, taktile Objekte die Brücke zwischen dem Abstrakten und dem Begreifbaren schlagen. Das war die Geburtsstunde eines neuen Ansatzes in Mysore.
- Zahlen werden nicht nur genannt, sie werden durch simulierte Objekte „erzählt“.
- Kinder lernen das Zählen durch das Fühlen spezifischer Gegenstände (statt abstrakter Punkte).
- Das Verständnis für Mengen kommt über das Gewicht oder Volumen, nicht über das bloße Hören der Wörter „viele“ oder „wenige“.
Ich habe gesehen, wie Kinder, die vorher zögerlich waren, plötzlich Feuer fingen. Es transformiert Mathe von einer Pflicht zu einem Spiel.
Der geometrische Durchbruch: Begreifen statt Raten
Der vielleicht größte Erfolg war die Einführung der geometrischen Grundformen. Kreise, Quadrate, Dreiecke – wie erklärt man diese ohne visuelle Referenz?
Die Lösung? Taktile Modelle. Die Schüler konnten die Kanten eines Quadrats nachfahren und den Unterschied zur weichen Kurve eines Kreises direkt ertasten. Im Gegensatz zu statischen Braille-Zeichen ermöglichte dies eine dynamische, haptische Erfahrung.

Das Ergebnis? Die Lücken im Verständnis, die sonst jahrelang schleichend entstehen, wurden direkt geschlossen. Pädagogen berichten, dass das Selbstvertrauen der Kinder immens gestiegen ist, weil sie nun aktiv „wissen“ und nicht nur „auswendig lernen“.
Praktischer Tipp: Die Sofort-Anwendung für Ihren Alltag
Sie müssen kein Stiftungsprojekt starten, um dieses Prinzip zu nutzen. Wenn Sie selbst mit Lernschwierigkeiten konfrontiert sind oder jemanden unterstützen: Nehmen Sie einfache Küchenutensilien oder Alltagsgegenstände, um abstrakte Dinge greifbar zu machen. Zum Beispiel:
- Verwenden Sie kleine Nudeln oder Münzen, um Subtraktionen zu üben. Zählen Sie nicht nur, verschieben Sie sie physisch.
- Nutzen Sie unterschiedliche Texturen (Sandpapier für eine raue Oberfläche, Seide für eine glatte), um Konzepte wie „ungleich/gleich“ oder „groß/klein“ anschaulich zu machen.
Dieser multisensorische Ansatz ist oft effektiver als jede gedruckte Tafel, weil er das Gehirn direkt mit Erfahrung füttert.
Diese Initiative in Mysore zeigt, dass Empathie und Kreativität oft mächtiger sind als teure Technologie. Welche alltäglichen Gegenstände haben Ihnen geholfen, ein kompliziertes Konzept endlich zu verstehen?









