Ihr Frankreich-Traum platzt: Warum wir nach 2 Jahren aus dem Dorf zurück nach Lyon flohen

Sie stellen sich das Postkartenidyll vor: Ein eigenes Haus, Garten, Ruhe und Nähe zur Familie. Genau das haben wir gesucht, als wir dem Berliner Chaos den Rücken kehrten und in ein französisches Dorf zogen. Nach nur zwei Jahren mussten wir die Reißleine ziehen. Wenn Sie gerade mit dem Gedanken spielen, aufs Land auszuwandern, lesen Sie schnell weiter, bevor Ihr Traum zum Albtraum wird.

Die Illusion der Unabhängigkeit: Ohne Schlüssel zur Freiheit

In der Stadt haben Sie U-Bahn, Bus und Lieferdienste auf Knopfdruck. Auf dem Land? Vergessen Sie es. Wir mussten feststellen, dass unser neues Leben komplett von einem einzigen Faktor abhing: dem Auto. Und spezifischer: dem Führerschein meines Mannes.

Stundenlange Wege für eine Flasche Öl

Als kalifornisches Kind, das in New York und Berlin lebte, dachte ich, ich sei an Annehmlichkeiten gewöhnt. Ich irrte mich gewaltig. Die ersten Wochen ohne Auto fühlten sich an, als wären wir in eine Zeitkapsel gesperrt. Der Versuch, die nächste Bäckerei auf dem viel zu hügeligen Terrain mit dem Fahrrad zu erreichen, endete im Desaster.

  • Die Wahrheit über Distanzen: Was auf der Karte 5 km sind, wird ohne Auto zur halbtägigen Wanderung.
  • Eingeschränkte Öffnungszeiten: Wir standen oft vor verschlossenen Türen, nachdem wir uns stundenlang durchgeschlagen hatten.
  • Abhängigkeit schafft Frust: Selbst mit Auto konnte ich ohne meinen Mann nirgendwohin. Der Führerschein, den ich mir nicht leisten konnte, war der Schlüssel zur Selbstbestimmung, den ich nicht besaß.

Der Garten frisst die Freizeit: Vom Eigentum zur Verpflichtung

Der große Vorteil? Mehr Platz! Wir hatten endlich Raum, um uns auszubreiten, ohne Nachbarn zu stören. Aber dieser Raum kam mit einer unbezahlten Vollzeitstelle.

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Wer pflegt die Scheune, wenn Sie nur entspannen wollten?

Wir waren plötzlich Eigentümer (bzw. Mieter vieler Quadratmeter) eines Hauses, eines Gartens, einer Scheune und alter Pferdeställe. Was ich mir als „bisschen Rasenmähen“ vorgestellt hatte, entpuppte sich als permanenter Instandhaltungsmarathon. Ich vermisste die glorreichen Nachmittage, in denen die gesamte Berliner Wohnung in zwei Stunden blitzblank war.

Kulinarischer Lockdown: Wo bleibt die Abwechslung?

Ich koche gerne selbst, aber ich will die Wahl haben. In Berlin konnte ich aus Dutzenden Küchen wählen. In unserem französischen Dorf? Zwei Restaurants, von denen eines Take-away anbot – aber nur, wenn Sie bereit waren, eine Stunde Fahrtzeit für die Abholung einzuplanen. Lieferdienste wie Uber Eats? Fehlanzeige.

Was mich wirklich traf, war die Zutatenknappheit. Wenn ich ein Rezept mit Sesamöl wollte, musste ich *aktiv* in die nächste Großstadt fahren! Das ist kein Leben, das ist Lieferdienst-Entzug des 19. Jahrhunderts.

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Der soziale Graben: Wenn die Dorfbewohner nicht Ihre Sprache sprechen

Mit unter 400 Einwohnern war unser Dorf extrem verschlafen. Die Menschen dort waren größtenteils deutlich älter. Der kulturelle Clash war hart, und mein Französisch war – ehrlich gesagt – peinlich steif.

In Berlin sprechen die Leute höflich Englisch, wenn Sie stocken. Hier mussten wir um jede Information kämpfen. Ob es um örtliche Politik ging oder um die beste Methode, mit wilden Katzen umzugehen – es war schwer, Anschluss zu finden, wenn Sie die Nuancen der Sprache nicht kannten. Das Gefühl der Isolation war erdrückend.

Der Kompromiss, der endlich funktionierte

Trotzdem: Die Natur war atemberaubend. Ich habe gelernt, Brombeeren zu ernten und das Französisch mit geduldigen Bauern zu üben. Das war der positive Kern.

Nach zwei Jahren war klar: Wir brauchten beides. Deshalb sind wir jetzt in Lyon. Es ist nur eine kurze Fahrt von der Familie entfernt, wir haben Zugang zur Natur, aber wir sind auch wieder in der Zivilisation. Wir haben das Beste aus beiden Welten kombiniert.

Ich bin froh, diesen Abschnitt erlebt zu haben. Aber ich erinnere mich lieber an die Ruhe des Dorfes, wenn ich gerade mitten in der Stadt zur U-Bahn laufe. Wie sehen Sie das? Würden Sie für Natur und Ruhe komplett auf städtische Annehmlichkeiten verzichten?

Philip Wienberg
Philip Wienberg

Co-founded Germany's first alcohol-free craft beer brand in 2018. Now a freelance Copywriter & Creative Director with 15+ years in top German ad agencies. Led teams of 30+ creatives, winning 100+ awards together - some even for real work, not just the award circuit.

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