Du glaubst, es wimmelt dort unten? Russische Forscher zählen Würmer und sind schockiert

Stell dir vor, du gräbst im Garten in der Nähe von Moskau und denkst, du siehst ein paar harmlose Regenwürmer. Was die Wissenschaft lange Zeit dachte, wusste es besser: nämlich dass es dort unten – im scheinbar toten Boden – eher karg zugeht. Doch jetzt haben russische Wissenschaftler nachgezählt und mussten feststellen: Die globalen Modelle lagen um ein Vielfaches falsch. Und das hat Konsequenzen für unser Verständnis des Ökosystems.

Worum geht es hier? Um die unscheinbaren, aber lebenswichtigen Regenwürmer. Eine internationale Studie von 2019 versuchte, die weltweite Verteilung dieser Bodenbewohner zu kartieren – doch die Daten lückenhaft. Jetzt holte eine russische Forschergruppe (vom Institut für mathematische Probleme der Biologie und dem Zentrum für Forstökologie) auf, indem sie Daten aus 271 russischen Feldstudien zusammengetragen hat. Was sie fanden, ist eine echte Untergrabung gängiger Annahmen.

Der Schock im Waldboden: Zahlen, die niemand erwartet hat

Die Hochrechnungen der Modelle sahen meist 1 bis 2 Würmer pro Quadratmeter vor. Klingt sparsam, oder? In den Laubwäldern Osteuropas, besonders in alten Linden- und Eichenhainen, sahen die Forscher aber etwas völlig anderes. Wir reden hier von bis zu **217 Exemplaren auf einem einzigen Quadratmeter**!

Das ist, als würdest du in deiner Dachbodenlagerhalle ein paar Mäuse erwarten, aber stattdessen fünf verschiedene, florierende Mäusefamilien finden, die sich perfekt eingerichtet haben. Die Modelle hatten diesen Reichtum einfach nicht erfasst.

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Wo die Unterwelt pulsiert

Die größten Überraschungen enthüllte die Analyse der Biotope:

  • Laubwälder: Hier herrscht das beste Leben. Der weiche, nährstoffreiche Laubfall ist wie ein Buffet, das sie nicht ausschlagen können.
  • Städtische Gebiete: Ja, richtig gelesen. Einige Stadtböden sind überraschend artenreich. Die Würmer sind zähe Überlebenskünstler, die Plastik und Stadtstress ignorieren. Fast so, als würden sie sich an den Beton gewöhnt haben.
  • Nadelwälder (Lärche): Hier sind die wenigen Arten echte Asketen – kühler, saurer Boden, weniger Nahrung. Hier gelten die alten Modelle fast noch.

Warum die großen Modelle so gnadenlos daneben lagen

Wie kann eine weltweite Karte so falsch liegen? Die Antwort ist frustrierend einfach und betrifft viele Bereiche der Wissenschaft: mangelnde Datenqualität und Regionalität. Die globalen Modelle nutzten primär Studien, die extrem hohe methodische Standards und exakte GPS-Koordinaten lieferten.

Der Haken: Über 90% der wertvollen russischen Feldstudien fielen durch das Raster. Sie waren zwar inhaltlich reich (oft in regionalen Dissertationen oder Berichten), aber entsprachen nicht den global strengen Selektionskriterien.

Das Problem ist vergleichbar mit diesem Szenario: Sie versuchen, die gesamte deutsche Küchenvielfalt zu beschreiben, indem Sie nur die Speisekarte einer einzigen Autobahnraststätte in Bayern studieren. Sie bekommen Würstchen und vielleicht ein Schnitzel, aber Sie verpassen die regionalen Fischgerichte, die norddeutschen Brotspezialitäten und das, was man im Erzgebirge kocht.

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Die Forscher selbst betonen: Es geht nicht darum, die Kollegen zu kritisieren, sondern darum, ein Signal zu senden. Wir müssen die **lokalen Daten** ernst nehmen – die sogenannte „Graue Literatur“ aus regionalen Archiven.

Dein praktischer Check für deinen Garten

Wenn du das nächste Mal im Frühjahr deinen Kompost umgräbst oder im Garten pflanzt: Nimm dir eine Minute Zeit, bevor du das nächste Unkraut jätest. Betrachte die Vielfalt, die du siehst. Ist es nur der langweilige dicke Tauwurm, oder siehst du auch dünnere, rötliche Exemplare?

Diese kleinen Lebewesen sind die stille Infrastruktur deiner Beete. Wenn dein Boden hart und lehmig ist, sind es diese unterirdischen Arbeiter, die lockern und düngen. **Eine gesunde Wurmpopulation ist der beste und günstigste Bodenverbesserer**, den wir kennen – weit besser als jeder teure Flüssigdünger aus dem Baumarkt, den wir gerade im Mai kaufen.

Die Forscher haben uns gezeigt, dass unter unseren Füßen ein viel reicheres, komplizierteres Leben tobt, als wir dachten. Das nächste Mal, wenn du einen Wurm siehst, sieh ihn nicht als lästiges Übel, sondern als Geheimagent deines Bodens.

Was war die überraschendste Bodenspezies, die du jemals in deinem eigenen Garten gefunden hast, und was sagt das über deinen lokalen Boden aus?

Philip Wienberg
Philip Wienberg

Co-founded Germany's first alcohol-free craft beer brand in 2018. Now a freelance Copywriter & Creative Director with 15+ years in top German ad agencies. Led teams of 30+ creatives, winning 100+ awards together - some even for real work, not just the award circuit.

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