Stellen Sie sich vor, Sie stoßen auf ein ältes Grab und die darin liegenden Überreste flüstern Ihnen etwas über Ihre eigene DNA zu. Genau das ist Forschern mit zwei vor 12.000 Jahren beigesetzten Individuen gelungen – und die Ergebnisse sind brisanter, als Sie vielleicht vermuten. Es geht hier nicht nur um Archäologie, sondern um eine längst vergessene Blaupausen Ihres eigenen Körpers. Was dort in einer Höhle ans Licht kam, zeigt, dass bestimmte genetische Lasten viel älter sind als gedacht.
Die Umarmung, die alles verriet: Mutter und Tochter statt Liebespaar
Als die Skelette (Romito 1 und Romito 2) 1963 in der Grotta del Romito entdeckt wurden, dachten Forscher zunächst, sie hätten ein Liebespaar gefunden. Die enge, fast umarmende Bestattung schien darauf hinzudeuten. Aber aktuelle Analysen krempelten diese Annahme um: Wir sprechen hier von zwei Frauen, wahrscheinlich Mutter und jugendliche Tochter.
Die eigentliche Sensation ist aber das, was die Genetik enthüllt hat: Die jüngere, Romito 2, litt an einer extrem seltenen Erkrankung, die man heute kaum noch sieht. Ihre Beine waren drastisch verkürzt.
Die Krankheit, die die Steinzeit-Community herausforderte
Romito 2 erreichte gerade einmal 110 Zentimeter – für die damalige Zeit ein massiver Unterschied zum Durchschnitt ihrer Gruppe (Romito 1 war immerhin 145 cm groß). Moderne Gentechnik lieferte die Antwort:

- Romito 2 trug eine homozygote Mutation im NPR2-Gen.
- Die Diagnose: Akromesomale Dysplasie vom Typ Maroteaux.
- Das bedeutet: Extrem verkürzte Gliedmaßen durch einen genetischen Defekt.
Das wirklich Erstaunliche daran ist: Trotz dieser schweren Einschränkung hat Romito 2 das Jugendalter überlebt. Das ist ein direkter Schuss vor den Bug der Vorstellung, wie hart das Leben damals war. Wir können fast sehen, wie die Gemeinschaft geholfen hat.
Überleben im Verbund: Warum das Teamwork wichtiger war als der individuelle Zustand
Die moderne Forschung ordnet beide Frauen dem Villabruna-Cluster zu – einer Gruppe von Jägern und Sammlern, die sich vor langer Zeit in Europa ausbreitete. Die Tatsache, dass Romito 2 so alt wurde, ist ein klares Zeichen für einen Zusammenhalt, den wir heute oft vermissen.
In der Praxis bedeutete das:
- Jemand muss die Nahrung für sie geholt haben.
- Die Gruppe musste Schutzmaßnahmen ergriffen haben, als die Jagd gefährlich wurde.
- Ihr Wert für die Gruppe wurde nicht an ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit gemessen.
Das ist der praktische Wert dieser Entdeckung: Diese alten Gemeinschaften waren unglaublich sozial organisiert, um jeden Einzelnen durchzubringen.

Was die Millionen Jahre alte DNA heute noch über uns sagt
Dr. Adrian Daly vom Universitätsklinikum Lüttich betont, dass diese Erkenntnisse zeigen: Seltene Erbkrankheiten sind keine „modernen“ Zivilisationsprobleme. Dieses Wissen begleitet die Menschheit seit Anbeginn.
Dank dieser bahnbrechenden prähistorischen Genomik können wir jetzt Krankheiten identifizieren, von denen wir dachten, sie seien erst vor Kurzem aufgetaucht. Wir lernen, wie unser Körper auf Stress und Umwelt reagiert – und das anhand von Knochen, die älter sind als die Pyramiden.
Ihr praktischer Takeaway: Der Blick in die Vergangenheit schützt die Zukunft
Der unmittelbare Nutzen? Wir sehen, wie robust die menschliche Anpassungsfähigkeit ist, wenn der soziale Kitt stark genug ist. Wenn Sie das nächste Mal in der Schlange im Supermarkt stehen und sich über die kleinen Tücken des Alltags ärgern, denken Sie an Romito 2. Diese Frau hat überlebt, wo heutige Technik versagen würde, weil ihre Nachbarn für sie da waren.
Was denken Sie: Ist der soziale Zusammenhalt in unserer heutigen, hoch spezialisierten Gesellschaft wirklich stärker oder nur anders organisiert als damals in der Steinzeit?









