Du tippst die Nachricht, du fragst nach dem Treffen, du planst den Kaffee. Dann herrscht Funkstille, bis du wieder aktiv wirst. Wenn du ständig die Initiative ergreifst und dich trotzdem unerwünscht fühlst, liegt das Problem selten an dir. Viele Menschen halten Freundschaften auf Sparflamme – und das verbrennt deine Energie, wenn du tiefe Bindung suchst.
Hör auf, dich selbst zu geißeln, weil du immer die „Netzwerkerin“ bist. In meiner Praxis und im persönlichen Umfeld sehe ich immer wieder, dass wir unsere Erwartungen an soziale Bindungen nicht kalibriert haben. Wenn du das ändert, gewinnst du sofort Seelenfrieden zurück, ohne Kontakte verlieren zu müssen.
Der Mythos vom „Immer-Kontakt halten“
Als ich vor Jahren aus den USA nach Wales zog, habe ich verzweifelt versucht, Anschluss zu finden. Egal ob über die Arbeit, die Schule der Kinder oder den Sportverein – ich war diejenige, die anrief. Ich glaubte fest daran: Wenn ich loslasse, fallen diese Kontakte einfach weg.
Diese Überzeugung ist tief verwurzelt, oft seit der Kindheit. Wir lernen früh: Nur wer sich meldet, gehört dazu. Aber was passiert, wenn du mal nichts tust? Wenn du bewusst die Hände in den Schoß legst? Ich habe das monatelang getestet und die Ergebnisse waren ernüchternd.
Das schmerzhafte Experiment: Was passiert, wenn du wartest?
Wenn ich mich zurückhielt, hörte ich von einigen Kontakten wochenlang nichts. Sofort meldete sich die alte Angst: „Sie wollen mich nicht.“ Für uns Deutsche ist Verbindlichkeit wichtig, besonders wenn es um tiefere Beziehungen geht. Diese Ablehnung fühlte sich an, als würde man vor der Tür stehen, während drinnen die Musik spielt.

Der Knackpunkt: Nicht jeder sucht dieses intensive Level an Bindung. Manche sind mit lockeren Bekanntschaften zufrieden, die sie nur gelegentlich pflegen. Und das ist ihre Berechtigung, aber es muss nicht deine sein.
Die Sortierung: Erwartungsmanagement rettet die Seele
Der Wendepunkt kam, als ich aufhörte, mein Bedürfnis nach Loyalität auf Menschen zu projizieren, die es nicht erfüllen können oder wollen. Ich musste akzeptieren, dass manche Freundschaften nur auf dem Niveau funktionieren, das der andere geben kann.
Die Dreier-Regel: Qualität statt Quantität
In meiner aktuellen Lebensphase – Vollzeitjob, Familie, der ganze Wahnsinn, den du kennst – habe ich entschieden: Ich brauche keine zehn oberflächlichen Kontakte. Ich brauche wenige, aber dafür verlässliche Anker.
- Die Tiefen-Freunde (Ca. 3 Personen): Das sind die, die sich genauso melden. Wir sind quitt. Gegenseitiges Investment ist hier die Regel, nicht die Ausnahme.
- Die lockeren Bekanntschaften: Ich pflege den Kontakt, wenn es passt (z.B. beim Bäcker oder Schulfest), erwarte aber keine tiefgehenden Gespräche oder ständige Planung.
- Die Einseitigen: Ich erwarte jetzt nichts mehr. Ich genieße die Gesellschaft, wenn wir uns sehen, aber ich laufe ihnen nicht mehr hinterher.
Ich habe aufgehört, Groll zu hegen, weil ich verstanden habe: Es geht nicht um Ablehnung, sondern um unterschiedliche Freundschafts-Betriebssysteme.

Der konkrete Schritt zu mehr Gelassenheit
Beim nächsten Mal, wenn dich der Drang überkommt, jemandem zu schreiben, frage dich: Ist diese Person ein „Tiefen-Freund“ oder ein „Lockerkontakt“?
Wenn es ein Lockerkontakt ist: Schreibe eine kurze, freundliche Nachricht, die nicht nach einem sofortigen Treffen fragt. Erwarte keine ausführliche Antwort. Das nimmt den Druck aus der Situation.
Wenn es ein Tiefen-Freund ist: Super! Dann meldet er oder sie sich garantiert genauso oft bei dir. Wenn nicht, ist deine Energie dort verschwendet.
Seit ich diese Struktur etabliert habe, fühle ich mich nicht mehr ausgenutzt, sondern verstanden. Ich weiß, wer wirklich da ist. Und das reicht.
Wie viele deiner Freunde würden wirklich ins kalte Wasser springen, wenn du seit einem Monat den Kontakt nicht gesucht hättest? Schreib es in die Kommentare!









