Sie dachten, es wird nur eine logistische Aufgabe: Dinge von A nach B zu verfrachten. Doch als ich meiner 89-jährigen Mutter beim Ausmisten half, weil sie plötzlich umziehen musste, lernte ich, dass wir oft nicht nur Kisten schleppen – wir schleppen die Identität ganzer Leben mit uns herum. Wenn die Kleinstadt-Wohnung plötzlich zur Einzimmerwohnung wird, müssen Entscheidungen getroffen werden, die wehtun, lange bevor der erste Karton gepackt ist.
Viele schauen auf das Chaos im Keller und denken: „Das muss weg.“ Ich dachte das auch, schließlich ist Organisation mein Beruf. Ich leitete eine Firma mit 17 Mitarbeitern, die genau das professionell erledigen. Aber mit der eigenen Mutter ist das anders. Gerade weil es so schnell gehen musste, wurde dieser Prozess zu einem psychologischen Minenfeld. Wenn wir das Haus eines lieben Menschen auflösen, geht es nie nur um alten Tand.
Die Falle der „gut gemeinten“ Hilfe
Meine Mutter liebt schöne Dinge. Im Gegensatz zu meinem Vater, der immer nach dem Motto „Immer aufräumen“ lebte, sammelte sie mit Leidenschaft. Nun, nach dem Tod ihres Partners, musste sie das 150 Quadratmeter große Haus in meine Nähe räumen, hin zu einer winzigen Wohnung. Druck und Trauer – eine explosive Mischung.
Schnell handeln oder alles zerreden?
Als professionelle Organisatorin hätte ich jeden Gegenstand penibel mit meiner Kundin besprochen. Doch als Tochter setzte ich auf Geschwindigkeit, um ihr den Stress zu ersparen. Ich eliminierte fünf Stunden lang Dinge, die sie definitiv nicht mehr brauchte – alte Gartengeräte, sperrige Möbelstücke.

- Falscher Ansatz: Alles endlos diskutieren.
- Mein Fehler: Zu viel eigenmächtig entschieden, um Zeit zu sparen.
- Die Folge: Unterdrückte Emotionen, die später hochkommen.
Achtung: Wenn Sie für ein Elternteil ausmisten, wollen Sie oft nur das Chaos beenden. Aber Sie beenden damit auch Kapitel.
Die überraschende Wendung: Trauer als Befreiung
Meine Mutter zog direkt neben mich – die größte geografische Nähe seit meiner Jugend. Ich sah die Doppelbelastung: Sie trauerte um ihren Partner UND um den Verlust ihres gewohnten Lebensumfelds, umgeben von all den Erinnerungsstücken.
Doch dann passierte das Unglaubliche: Sie wurde freier. Jahrelang bat sie mich jedes Wochenende, ihr beim Organisieren zu helfen. Jetzt? Keine Sorge mehr. Diese plötzliche mentale Freiheit nutzte sie, um etwas zu tun, wofür sie nie Zeit hatte: Sie schrieb sich für Improvisationstheater ein. Etwas, das tief in ihr schlummerte.
Gegenstände sind nur Platzhalter für die eigene Geschichte
Viele Menschen, besonders Ältere, definieren sich über ihren Besitz. Ein Kunde sagte mir einmal sinngemäß: „Ohne meine alten Band-T-Shirts weiß doch keiner mehr, dass ich mal cool war!“
Genau hier liegt der Schlüssel: Meine Mutter brauchte den Beweis – den sie im Theater fand –, dass sie auch ohne ihre physischen Beweise (die Möbel, die Kunstwerke) immer noch schnell, witzig und präsent ist. Die Dinge bestätigten ihre Vergangenheit, aber die neuen Aktivitäten validierten ihr wahres Ich.

Der heimliche Stolperstein: Schuldgefühle bei der Weitergabe
Ein Kampf, den wir uns ersparten: Meine Mutter fragte nie, wer was erbt. Sie hatte schon Jahre vorher aufgehört, uns Dinge aufzudrängen. Sie weiß: Nichts kommt in mein Haus, wenn ich nicht genau weiß, wo es steht und ob ich es wirklich will.
Was ich aber täglich in meiner Praxis sehe: Die jüngere Generation nimmt Dinge aus reiner Schuld an. Vielleicht ist das gestickte Kissen von Tante Erna schön, aber Sie hassen die Farbe. Trotzdem bleibt es, weil die Liebe zur Tante an das Kissen gekettet ist.
Der Lifehack: Ändern Sie Ihre Perspektive. Sie behalten die Liebe zur Tante, indem Sie sich an die gemeinsame Zeit erinnern, nicht indem Sie ihr Kissen in Ihrem Wohnzimmer parken. Die Gegenstände sind nur Werkzeuge für Erinnerungen. Manchmal müssen wir sie loslassen, damit neue, bessere Erinnerungen entstehen können – besonders, wenn wir Platz für das nächste Kapitel schaffen müssen.
Was ist der eine Gegenstand in Ihrem Haus, den Sie eigentlich nicht mehr brauchen, aber aus einem Gefühl der Verpflichtung behalten?









