Stellen Sie sich vor: Ein Himmelskörper, der seit fünf Milliarden Jahren brodelt. Nicht nur heiß, sondern komplett geschmolzen. Unsere bisherigen Klassifizierungen für Planeten? Offenbar völlig falsch. Astronomen stehen gerade vor einem Rätsel, das unser Verständnis von Felswelten komplett auf den Kopf stellt.
Der Grund? Ein Planet namens L 98-59 d, nur 35 Lichtjahre entfernt. Er ist so seltsam, dass er in keine gängige Schublade passt – weder Gasriese, noch Wasserwelt. Wenn Sie dachten, wir wüssten, wie felsige Planeten funktionieren, halten Sie sich fest. Denn dieser Lavasee zeigt, was wir wirklich über das Universum verpasst haben.
Warum die „dichte“ Lüge aufflog
L 98-59 d kreist um einen Roten Zwergstern und wurde ursprünglich mit dem TESS-Teleskop entdeckt. Das Problem begann, als Wissenschaftler genauer hinschauten. Der Planet ist zwar etwa anderthalbmal so groß wie die Erde, aber seine Dichte ist erstaunlich gering.
Viele Astronomen neigen dazu, solche Himmelskörper sofort in eine Schublade zu stecken. Entweder als „Gaszwerg“ (wegen der kleinen Masse) oder als „Wasserwelt“ (wegen geringer Dichte). Doch L 98-59 d widersetzte sich beiden Theorien.
Das Schwefel-Geheimnis, das keiner erwartete
Durch präzise Beobachtungen mit dem James-Webb-Weltraumteleskop fand man heraus, was diesen Planeten wirklich einzigartig macht: seine Atmosphäre. Sie ist dick und reich an Schwefelverbindungen.

- Gasriesen-Theorie: Passt nicht, zu wenig Masse.
- Wasserwelt-Theorie: Passt nicht, woher kommt der ganze Schwefel?
Dieser Schwefelgehalt zwingt Forscher, die gesamte Entstehungsgeschichte des Planeten neu zu denken. Es ist, als würde man in der Wüste einen Ozean finden – die Chemie stimmt einfach nicht mit den gängigen Modellen überein.
Der brodelnde Kern: Kein Fels, sondern flüssiges Chaos
Forscher um Harrison Nicholls von der University of Cambridge nutzten Computersimulationen, um die Beobachtungen zu erklären. Das Ergebnis ist spektakulär und war nur unter einer extrem spezifischen Bedingung möglich:
L 98-59 d muss von Anfang an einen extrem hohen Anteil an Wasser und Schwefel besessen haben. Diese Mischung führte zu einer verheerenden Kettenreaktion, die bis heute anhält.
So hält sich der Lavasee 5 Milliarden Jahre
Der Planet besteht nicht aus einem stabilen Gesteinsmantel wie unser Mars oder die Erde. Stattdessen sehen die Simulationen folgendes Bild:
- Ein kleiner Eisenkern im Zentrum.
- Darüber ein tausende Kilometer tiefer Ozean aus flüssigem Gestein – reines Magma.
- Dieser Magma-Ozean gast ständig Stoffe ab, die die dichte Schwefelatmosphäre speisen.
Dieser konstante Gasaustausch erzeugt einen extremen Treibhauseffekt. Er hält die Temperaturen so hoch, dass der Ozean flüssig bleibt – und das, obwohl der Planet schon seit Äonen existiert. Wahnsinn, oder?

Keine feste Haut, nur dünne Kruste?
Haben Sie sich gerade gefragt, ob L 98-59 d eine feste Oberfläche hat? Die einfache Antwort ist: Wahrscheinlich nicht im herkömmlichen Sinne.
Sie brauchen keine Kontinentalplatten wie bei uns in Deutschland zu erwarten. „Wir erwarten höchstens eine dünne Haut aus dunklem Gestein, ähnlich wie auf Seen aus Lava auf der Erde“, erklärt Nicholls.
Der Clou: Weil der Planet wahrscheinlich eine gebundene Rotation hat (eine Seite immer dem Stern zugewandt), könnte diese Gesteinshaut auf der heißen Tagseite hauchdünn sein, während sie auf der kühlen Nachtseite dicker ist. Ein Planet, der buchstäblich zwei verschiedene Gesichter hat.
Die einfache Faustregel für Planetenklassifizierung? Vergessen Sie sie. L 98-59 d zeigt, dass die Vielfalt im Universum viel größer und chaotischer ist, als wir dachten. Wir stehen erst am Anfang, diese fremden Welten wirklich zu verstehen.
Was denken Sie: Wenn solche „geschmolzenen Welten“ existieren, welche anderen fundamentalen Annahmen über das Leben im All könnten sich bald als falsch herausstellen?









