Haben Sie jemals gedacht, die tiefsten Temperaturen in Deutschland existieren nur auf dem höchsten Gipfel? Falsch gedacht. Tief versteckt in den bayerischen Alpen liegt ein Fleck, der mit minus 45,9 Grad jeden Winterrekord pulverisiert hat. Aber es ist nicht nur die biblische Kälte, die Wissenschaftler und Förster dort ratlos zurücklässt. Sie müssen unbedingt wissen, warum an diesem vermeintlichen Naturwunder der Wald einfach fehlt.
Das deutsche Kälteloch, das selbst Meteorologen staunen lässt
Der Funtensee in den Berchtesgadener Alpen ist kein gewöhnlicher Bergsee. Er ist eine natürliche Falle für eisige Luft. Als dort Ende 2001 der historische Tiefstwert gemessen wurde, registrierte die offizielle DWD-Station nur zwei Meter daneben knapp zwei Grad weniger. Das zeigt, wie extrem empfindlich diese Messungen sind.
Warum der Funtensee zur Eisbox wird: Die Zutaten
Es braucht eine perfekte, fast schon unheimliche Wetter-Symphonie, damit die Luft dort so dramatisch abkühlt. In meiner Erfahrung als Beobachter solcher Phänomene: selten gesehen!
- Windstille: Die kalte Luft muss unten im Tal „festkleben“ können. Jeder Windhauch würde sie sofort wegtransportieren.
- Wolkenlosigkeit: Nur so kann die gesamte Wärme ungehindert in den Weltraum abstrahlen und der Boden extrem auskühlen.
- Die geologische Mulde: Der See ist eine Senke, umgeben von höheren Bergen, die ihn regelrecht einkesseln – wie ein Suppenteller, dessen Inhalt nicht ablaufen kann.
No-Go-Faktor: Wenn dann noch Schnee liegt, der die letzte Bodenwärme blockiert, ist die Rechnung für extreme Kälte aufgegangen. Es ist, als würde man im Winter die Heizung abstellen und das Fenster zusätzlich offen lassen.

Das Mysterium, das niemand löst: Die fehlenden Bäume
Hier wird es wirklich kurios. Normalerweise sollte der Baumbestand in dieser Höhe langsam abnehmen. Am Funtensee aber herrscht direkt am Ufer gähnende Leere. Viele vermuten, die extreme Kälte tötet die zarten Setzlinge rigoros ab. Aber Ranger Josef Egger hat eine andere Theorie, die viel eher zur Region passt.
Die Rolle der Bauern und das Kaltluftmeer
Jahrhundertelang trieben Hirten ihr Vieh genau auf diese Lichtung. Die gängige Meinung besagt: Rinder haben die Bäume abgefressen, die Bauern rodeten für die Almwirtschaft.
Doch Egger sieht es genau umgekehrt: Er glaubt fest daran, dass die Bauern die Alm nur deshalb dort eingerichtet haben, weil es dort ohnehin keinen Wald gab – weil die extreme Kaltluft das Wachstum unmöglich machte.
„Ich bin schon überzeugt, dass nicht die Bauern dort den Wald gerodet haben, sondern dass sie die Alm dort gemacht haben, weil in dem Kaltluftsee kein Wald war“, formuliert er seine Überzeugung. Ein echtes Henne-Ei-Problem, das sich wohl nie klären lässt.

Praxis-Tipp: So kalt wird es bei Ihnen morgen
Auch wenn der Funtensee ein extremer Ausreißer ist, zeigt uns diese Situation, wie schnell Kälte in den Alpen eskalieren kann. Wenn Sie in den kommenden Tagen in südlichen Regionen unterwegs sind, prüfen Sie nicht nur die allgemeine Wettervorhersage.
Achten Sie bei der Tourenplanung auf das Wort „Inversion“. Das ist der Schlüssel. Inversionswetterlagen bedeuten, dass die Luft in Tälern stagnieren und deutlich kälter werden kann, als die offizielle Vorhersage für höhere Lagen meldet. Ihre Berghütte könnte also leicht 5 Grad kälter sein, als Sie erwarten.
Finale: Weniger Eis als gedacht?
Interessanterweise ist dieser Kälterekord von -45,9 Grad gar nicht offiziell der „kälteste Ort“ Deutschlands in den DWD-Statistiken. Da er so exponiert liegt, zählt der Wert nicht als repräsentativ für das ganze Land. Ein anderer Ort hält aktuell den offiziellen Rekord.
Welche extremen Wetterphänomene haben Sie schon selbst in deutschen Tälern erlebt, die Sie vorher für unmöglich gehalten hätten?









