Stell dir vor, du studierst Theologie, aber anstatt trockener Bücher sitzt du mitten in einem akustischen Pulverfass. Muezzinrufe, Kirchenglocken und Gebete – alles gleichzeitig. Viele Theologiestudenten in Deutschland halten diesen Ort für unerreichbar oder zu kompliziert. Ich habe mit dem Ehepaar gesprochen, das diesen extremen Alltag leitet, und ich muss sagen: Was diese Menschen dort erleben, ist kein Studium mehr, sondern mentale Umerziehung.
Nach Monaten im erzwungenen Exil in Italien kehren die Studierenden jetzt zurück nach Jerusalem. Aber die Sicherheit ist nur ein Teil der Geschichte. Was wirklich zählt, ist die tägliche Konfrontation mit einer unfassbaren Polyphonie der Religionen. Ich habe die Dekane, Friederike Eichhorn-Remmel und Daniel Remmel, gefragt, was dieser permanente Nahkampf der Überzeugungen mit den jungen Leuten macht.
Warum „Wissen“ in Jerusalem nicht reicht: Die Macht der physischen Erfahrung
Klar, es gibt Vorlesungen. Architektur, Bibelwissenschaft, Judaistik. Aber das ist nur die Vorspeise. Das wahre Leben findet „zu Fuß“ statt. Die Dekane haben mir erklärt, dass der Kern des Programms darauf abzielt, die Studierenden physisch zu zermürben – im besten Sinne.
Die Expeditionen, die dir den Boden unter den Füßen wegziehen
Vergiss Hörsäle. Hier geht es um Dreck, Schweiß und rohes Erleben. Diese Exkursionen sind so konzipiert, dass sie die akademische Fassade wegreißen und die Bewerber mit der vermeintlichen „heiligen“ Realität konfrontieren.
- Acht Tage Wüste Negev, Rucksack, Schnorcheln im Roten Meer. Das ist kein Urlaub, das ist Survival-Training für die Seele.
- Kreuzfahrerzeit trifft auf islamische Geschichte: Wer Jerusalem nur aus Büchern kennt, versteht die Reibungspunkte hier nicht.
- Exklusive Audienzen beim Patriarchen: Manche Begegnungen sind so selten, da bekommen selbst erfahrene Professoren in Bonn Probleme, sie zu organisieren.
Ein früher Teilnehmer hat es auf den Punkt gebracht: Er nannte es „selbstverständlich toleranzfähig“ werden. Das ist der eigentliche Abschluss, den die Stipendiaten mitnehmen.

Die große Wende: Wer sich jetzt bewerben muss
Interessant ist, dass dieses Programm gerade jetzt massiv umgebaut wird. Früher waren die Bewerber festgefahrene Latein- und Griechisch-Kenner. Das ändert sich radikal.
Die Zahl der Theologiestudierenden in Deutschland sinkt – das ist bekannt. Doch statt zu resignieren, öffnen die Remmels das Programm für Leute, die bisher außen vor waren: Lehramtsstudenten, Nebenfach-Theologen, sogar orthodoxe Studenten. Aber Moment mal, wenn die Sprachen fehlen, wie soll das funktionieren?
Die wichtigste Neuerung, die viele übersehen: Die Prüfungen werden Kompetenz-orientiert. Wer kein klassisches Hebräisch hat, muss eine Präsentation liefern. Im Prinzip müssen sie beweisen, dass sie das richtige *Mindset* für dieses Chaos mitbringen.
Der Familienfaktor: Wenn das Studium ins Wohnzimmer zieht
Die Dekane leben hier als Familie mit drei Kindern unter einem Dach mit den Studierenden. Das ist mehr als nur eine Arbeitsstelle, das ist eine temporäre Lebensgemeinschaft. Das Wohnen und Essen zusammen sorgt dafür, dass theologische Diskussionen nicht im Seminar enden, sondern am Esstisch weitergehen – und da wird es erst richtig heikel.

Ihre Kinder, so erfuhr ich, mussten sich schnell an Englisch als Alltagssprache gewöhnen. Aber genau diese Kinder sind jetzt die kleinen Stadtführer, die den Eltern zeigen, wie man diese verwirrende Metropole im Alltag meistert. Das nenne ich Integration vor Ort!
Der versteckte Deal, der alles bezahlbar macht
Mal Butter bei die Fische: Ein Jahr in Jerusalem ist teuer. Aber für die Studierenden ist der finanzielle Stress eliminiert. Der DAAD stellt Vollstipendien bereit.
Wenn du in Deutschland studierst, hält dich vielleicht der Gedanke an Miete und Lebenshaltungskosten davon ab, so etwas zu wagen. Hier fällt dieser Druck weg. Du musst dich nur auf das Innere konzentrieren. Viele sehen diesen Punkt als den entscheidenden Grund, sich überhaupt zu bewerben.
Jerusalem funktioniert hier wie ein Stresstest: Wenn du die religiöse Kakophonie aushältst und daraus etwas Besseres für dich destillierst, dann bist du für die Arbeit in der modernen, zerstrittenen Welt gerüstet. Wer diesen intensiven Alltag in der „Polyphonie“ erlebt hat, bringt eine Haltung mit, die man in keinem deutschen Seminarraum lernen kann.
Was denkst du: Würdest du dein Studium für ein Jahr völliger geistiger Turbulenz ‚verschenken‘, wenn du dabei alle Geldsorgen loswärtest?









