Haben Sie das auch? Sie sind ständig die Person, die sich meldet, plant und nachhakt, während die andere Seite nur reagiert? Dieses Gefühl, in Freundschaften permanent die Initiative ergreifen zu müssen, kann zermürbend sein und nagt am Selbstwert. Viele von uns – gerade hier in Deutschland mit der typischen Vorliebe für Verlässlichkeit – halten an Kontakten fest, aus Angst, sonst völlig allein dazustehen. Aber was, wenn dieses Engagement einseitig ist und Sie mehr Energie kostet, als es Ihnen zurückgibt?
Ich habe das selbst schmerzhaft gelernt, nachdem ich mehrmals umgezogen bin und Freundschaften als meinen emotionalen Anker brauchte. Die Erkenntnis kam hart: Wir alle definieren „enge Freundschaft“ unterschiedlich. Und wer diesen Unterschied ignoriert, programmiert sich für Frust und unterschwelligen Groll.
Der Irrtum des unermüdlichen „Initiators“
Erinnern Sie sich an Ihre Jugend? Immer die Einladung aussprechen, der Erste sein, der anruft. Ich habe diese Rolle als Erwachsene beibehalten, egal ob im neuen Job in Wales oder nach der Geburt der Kinder. Ich dachte, nur so kann ich Menschen halten. Denn wenn ich – die Planerin und Melderin – loslasse, gehen sie verloren, oder?

Diese Überzeugung führte zu kleinen, aber belastenden Selbstversuchen. Ich stoppte das Anrufen, das Planen, das Texten – und wartete. Die Ergebnisse waren ernüchternd: Einige meldeten sich nie. Das Gefühl der Ablehnung – ein Echo aus der Schulzeit, als man noch nicht dazugehörte – wurde wieder laut.
Warum diese Angst uns lähmt
Diese Selbstbeobachtung zwingt uns zur harten Frage: Bin ich zu bedürftig („needy“)? Oder halte ich an einem Freundschaftsideal fest, das für andere schlicht zu intensiv ist? In unserem Alltag, vollgepackt mit Karriere, Familie und dem Versuch, das Haus ordentlich zu halten, ist das oft der Fall.
Die Wahrheit ist: Viele Menschen sind mit lockeren Bekanntschaften zufrieden. Das ist kein persönlicher Angriff auf Sie, sondern eine Frage der Prioritäten!
Der große Filter: Weniger ist emotional sicherer
Nach meiner Phase der Selbstreflexion habe ich aktiv umdefiniert, was Freundschaft für mich bedeutet und wie viel ich geben kann und muss.

- Die „Schwesternschaft“ finden: Ich identifiziere jene 2-3 Menschen, die dieselbe Tiefe und Loyalität suchen wie ich. Hier wird Initiative geteilt.
- Die „Kaffee-Kontakte“ managen: Ich halte Kontakt zu Menschen, die mir wichtig sind, aber die andere Vorstellung von Nähe haben. Ich treffe sie gerne auf dem Wochenmarkt oder spontan an der Parksperre, aber ich erwarte keine wöchentlichen Anrufe mehr.
- Erwartungen managen: Wenn ich weiß, dass Person X nur alle paar Monate meldet, fühle ich mich nicht zurückgewiesen, wenn es passiert. Ich nehme die Gesellschaft an, ohne das Bedürfnis zu haben, sie „reparieren“ oder intensiver machen zu müssen.
Das große Aha-Erlebnis? Ich empfinde keinen Groll mehr. Ich habe die Kontrolle zurückgewonnen, indem ich akzeptierte, dass andere nicht die emotionalen Bedürfnisse erfüllen können, für die sie gar nicht zuständig sind. Ich muss sie im Blick behalten, aber nicht ständig hinter ihnen herlaufen.
Ihr praktischer Schritt: Die 48-Stunden-Regel
Wenn Sie das nächste Mal den Drang verspüren, den Kontakt zu jemandem zu erzwingen, weil Sie lange nichts gehört haben: Wenden Sie die 48-Stunden-Regel an. Schreiben Sie eine unverbindliche Nachricht (z.B. „Ich musste gerade an dich denken, wie geht’s dir?“). Meldet sich die Person nicht innerhalb von zwei Tagen zurück, stufen Sie diesen Kontakt innerlich für die nächsten vier Wochen herunter. Konzentrieren Sie Ihre Energie auf die Menschen, die Ihnen aktiv antworten. Wer Ihre Initiative wertschätzt, wird früher oder später selbst initiativ werden.
Seit ich diese Umstrukturierung vorgenommen habe, fühle ich mich gefestigter und weniger verletzlich. Es reicht, gewollt und geliebt zu werden – von den Richtigen. Aber wie definieren Sie Loyalität in Ihren Freundeskreisen? Wer von Ihren Kontakten meldet sich immer zuerst?









