Ich passte mich an, doch Frankreich ließ mich nie ganz rein – der eine Fehler, den alle Immigranten machen.

Sie ziehen los, sprechen die Sprache, studieren die Kultur – und trotzdem bleibt diese unsichtbare Mauer stehen. Wenn Sie jemals das Gefühl hatten, trotz perfekter Anstrengung am Rand der Gesellschaft zu stehen, dann ist dieser Text für Sie. Denn ich habe gelernt, dass dazuzugehören oft weniger mit Können und mehr mit Akzeptanz der Lücke zu tun hat.

Jahrelang lebte Vivienne Zhao nach einer eisernen Regel: Wenn ich nur hart genug arbeite, die Grammatik fehlerfrei beherrsche und mich anpasse, zahlt sich das aus. Sie investierte in eine Zukunft in Frankreich, doch die erhoffte emotionale Heimat blieb aus. Was ich in meinem Gespräch mit der 33-jährigen Französischlehrerin lernte, widerspricht allem, was Integrationskurse Ihnen erzählen. Es geht nicht darum, was Sie falsch machen, sondern darum, was Sie akzeptieren müssen.

Die Illusion der Perfektion: Wie Anpassung zur Falle wird

Vivienne kam 2015 mit dem Traum von Le Cordon Bleu und einem Rucksack voller Hoffnung nach Paris. Sie hatte neun Monate Französisch hinter sich, überzeugt, dass Lernen der Schlüssel zur Tür sein würde. Doch die Realität schlug hart zu. Das Paris der echten Gespräche war eine andere Welt als der idyllische Schulaustausch, den sie kannte.

Der Sprach-Trugschluss: Worte sind nicht gleich Verbindung

Für Außenstehende klingt es immer so: „Wenn du die Sprache sprichst, bist du drin.“ Vivienne beherrschte die französische Konversation nach Jahren gut. Aber hier kommt die erste harte Wahrheit:

  • Sie verstand die Wörter, aber nicht die Kinder-Insiderwitze.
  • Sie verstand die aktuellen Witze über Klatsch und Politik nicht, weil ihr der gemeinsame kulturelle Unterbau fehlte.
  • Der französische Humor – basierend auf Ironie und Neckereien – fühlte sich gegen ihre asiatische Prägung auf Harmonie wie ein ständiger Kampf an.

Sie kann perfekt argumentieren, aber sie verpasst den Subtext, der nur durch gemeinsame Kindheit entsteht.

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Der stille Ausschluss beim Aperitif

Viele Menschen, die im Ausland leben, suchen die soziale Wärme durch das Dating. Vivienne datete einen Franzosen – in der Hoffnung, dies sei die Abkürzung zur Zugehörigkeit. Die Ernüchterung folgte auf einer Hochzeit.

Als sie kurz wegging, verstummte die Konversation in ihrer Abwesenheit. Nicht aus Bosheit, sondern aus Unsicherheit der anderen. Ihnen fehlte die geteilte Geschichte, die gemeinsame Basis, um einfach weiterzuplaudern. Das war der Moment, in dem Vivienne klar wurde: Man kann sich nicht erarbeiten, wer man ist – zumindest nicht in diesen engen Kreisen.

Beruflicher Anker: Wo Kompetenz vor Persönlichkeit siegt

Wenn die emotionale Zugehörigkeit versagt, suchen viele nach Bestätigung im Job. In der harten Welt der französischen Gastronomie fand Vivienne genau das, was ihr fehlte: **absolute Verlässlichkeit.**

Sie kroch nicht in die Herzen der Kollegen, sie erarbeitete sich ihren Platz durch reine Leistung. Sie kam oft Stunden zu früh, filetierte unter Druck einen ganzen Thunfisch für die überlastete Küchenchefin. Diese Kompetenz gab ihr einen Anker, den die Gesellschaft ihr verweigerte. Das Selbstvertrauen wuchs still – nicht durch Freundschaft, sondern durch nachweisbare Fähigkeiten.

Aber auch hier gibt es Grenzen. Die körperliche Anstrengung der Küche zwang sie schließlich zum Wechsel. Sie fokussierte sich auf das Unterrichten von Französisch als Fremdsprache – ein Beruf, der ihre Expertise nutzt, aber nicht ihre Seele fordert.

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Heimat neu definieren: Das verrückte Gefühl beim Zurückkehren

Die größte Ironie erleben viele Expats, wenn sie nach Hause zurückkehren. Viviennes Mutter glaubt, wahre Heimat sei der Ort, zu dem man immer zurückkehrt. Doch jedes Mal, wenn Vivienne nach China reist, merkt sie die Distanz.

Sie hat sich im Ausland angewöhnt, den Busfahrer oder den Kassierer freundlich zu grüßen. Eine Geste, die in Frankreich normal ist, führt in China oft zu sichtbarer Verwirrung. Sie bewegt sich in einem anderen sozialen Rhythmus. Genau das ist der Punkt: Man gehört nirgends zu 100 Prozent, weil man Teile von beiden Kulturen tief in sich trägt.

Ihr praktischer Wert: Wie Sie die ewige Suche beenden

Vivienne Zhao hat erkannt, dass Erfüllung nicht an die Bedingung der kompletten Assimilation geknüpft ist. Wenn Sie das Gefühl haben, in beiden Welten ein Fremder zu sein, probieren Sie diesen mentalen Wechsel:

  1. Listen Sie Ihre errungene Kompetenz auf: Statt sich auf „fehlende Nähe“ zu fixieren, notieren Sie täglich, was Sie im *neuen* Land besser können (z.B. Umgang mit Bürokratie, spezifische Fachbegriffe). Das ist Ihr nicht verhandelbarer Wert.
  2. Definieren Sie „Zuhause“ neu: Zuhause ist der Ort der Stabilität, nicht der kulturellen Übereinstimmung. Für Vivienne ist es jetzt die kleine, sichere Einheit mit ihrem Partner und der Katze. Der Ort ist sekundär.
  3. Betrachten Sie die Distanz als Erweiterung, nicht als Defizit: Sie haben ein duales Betriebssystem. Nutzen Sie das chinesische Fundament für Ihre Instinkte und das französische Selbstwertgefühl für Ihre Unabhängigkeit. Es ist ein Gewinn, kein Verlust.

Die Suche nach dem perfekten Platz ist ermüdend. Vivienne hat ihren Frieden damit geschlossen, im ständigen Transit zu leben. Das hat ihre Beziehung zu ihren Eltern sogar gesünder gemacht, weil es den Druck der „Rückkehr-Pflicht“ nahm.

Was denken Sie? Wo fühlen Sie sich am meisten „zu Hause“, wenn Sie wissen, dass ein Teil von Ihnen immer anders bleiben wird? Schreiben Sie es in die Kommentare!

Philip Wienberg
Philip Wienberg

Co-founded Germany's first alcohol-free craft beer brand in 2018. Now a freelance Copywriter & Creative Director with 15+ years in top German ad agencies. Led teams of 30+ creatives, winning 100+ awards together - some even for real work, not just the award circuit.

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