Sie denken, das Inselleben ist nur Postkartenidylle mit unendlichen Spaziergängen? Pustekuchen. Ich startete mein 3-monatiges Experiment auf einer abgelegenen Insel im Nordwesten – und traf auf die unappetitliche Wahrheit bereits in der ersten Woche. Zwischen Mausexkrementen und wackeligen Fährplänen muss ich jetzt herausfinden, ob das Fernweh stärker ist als der Drang, schnell in die nächste Großstadt zu fliehen.
Fassen wir es kurz zusammen: Ich war City-Girl durch und durch. Aufgewachsen in der Bay Area, das Leben in Seattle geliebt. Öffentliche Verkehrsmittel, Brunch, die ständige Erreichbarkeit – das war mein Sauerstoff. Ein Leben ohne Kultur und Vielfalt? Undenkbar! Doch dann kam der Haussitting-Job, der alles änderte.
Die Schock-Begegnung: Mäuse statt Meerblick
Meine Idylle begann mit einem herben Dämpfer. Ich suchte meine Sonnenbrille, fand aber stattdessen ein erschreckendes Zeugnis nächtlicher Besucher im Handschuhfach: ein angebissener Müsliriegel und – Achtung – ein kleiner Haufen Mäusekot direkt daneben. Mein erster Gedanke: Sofort den Handwerker rufen!
Die Antwort der Besitzerin war entwaffnend: „Oh nein, das tut mir leid! Das ist ganz typisch für die Insel.“

Hier kommt die erste harte Wahrheit: Auf dieser Insel, nur 20 Euro mit der Fähre vom Festland entfernt, gibt es keine 24-Stunden-Notfall-Services. Ich musste selbst ran. Schnappfallen kaufen, aufstellen und die Überreste entsorgen. **Das war definitiv nicht die Entspannung, die ich gebucht hatte.**
Vom Stadtmenschen zum Insel-Manager
Was ich in der Stadt nie brauchte, wird hier überlebenswichtig: Planungstalent. Wenn in Seattle die Milch ausging, fuhr ich kurz zum Supermarkt. Hier bedeutet ein spontaner Besuch auf dem Festland Stunden der Organisation.
Insel-Logistik sieht so aus:
- Akribische Einkaufslisten: Was vergessen, ist – Pech gehabt, bis zur nächsten Fähre.
- Abgestimmte Fährzeiten: Wer die letzte Fähre verpasst, verpasst den Anschluss.
- Stoische Geduld: Stürme stoppen den Verkehr, Stromausfälle sind normal.
Der kleine Inselmarkt ist zwar eine Notlösung, aber die Preise dort? Die sind so erhöht, dass sie sich anfühlen, als würde man für jeden Latte Macchiato einen kleinen Aufschlag für die Transportmühsal zahlen.

Die leise Macht der Leere: Warum ich bleibe
Doch gerade das, was mich anfangs nervte, beginnt, mich zu fesseln. Der ständige Lärm der Stadt ist weg. Die gefühlte allgegenwärtige Kultur der Dringlichkeit hat sich aufgelöst.
Ich merke plötzlich fast automatisch, wann meine Konzentration nachlässt – und wann ich in diesen seltenen, tiefen Flow-Zustand komme. Hier gibt es keine schnellen Ablenkungen, die einen mitten aus der Arbeit reißen.
Was ich in den ersten Wochen gelernt habe:
- Es gibt unerwartet viel Zeit für lange, tiefe Telefonate mit Freunden.
- Strandspaziergänge ersetzen das Fitnessstudio (und das Nervenkostüm der U-Bahn).
- Als Schriftstellerin habe ich in einer Woche mehr geschafft als sonst im Monat.
Ich bin mitten im Frühling angekommen, die Insel erwacht. Ich will die vollen 90 Tage bleiben, um diesen „Honeymoon-Effekt“ zu durchbrechen und zu sehen, ob das primitive Management des Alltags dauerhaft funktioniert. Oder ob mich der nächste unerwartete Sturm zurück in die Zivilisation treibt.
Fest steht: Diese erzwungene Langsamkeit ist eine Lernerfahrung, die ich nicht missen möchte. Aber was meint ihr? Wäre diese Mischung aus Freiheit und logistischem Albtraum für euch länger als eine Urlaubspause erträglich?









