Sie sehen die perfekten Sonnenuntergänge, den Kaffee am Bergsee und die grenzenlose Freiheit. Mein Partner und ich lebten zwei Jahre lang im Camper-Van und dachten, wir hätten den ultimativen Hack für das lockere Leben gefunden. Aber vergessen Sie die Instagram-Filter: Dieser Lebensstil war eine tickende Zeitbombe.
Wir lernten schnell, dass die billige Miete ihren Preis hatte – und dieser Preis war nicht nur Benzin. Wenn Sie gerade planen, Ihren Job zu kündigen, um „on the road“ zu gehen, lesen Sie das hier zuerst. Denn die wahre Krise beginnt, wenn die Reifen aufhören, sich zu drehen.
Das Märchen vom günstigen Freiheitstraum: Was wir wirklich zahlten
Die Zahlen klangen verlockend. Unser 2018 gekaufter Kastenwagen kostete neu über 34.000 Euro. Nach drei Monaten Ausbau – die Solaranlage allein verschlang fast die Hälfte der 8.600 Euro Umbaukosten – waren wir startklar.
Unsere fixen Kosten pro Monat waren lächerlich niedrig. Wir zahlten lediglich Kreditrate, Versicherung und vielleicht 170 Euro für den Sprit. Wir piratisierten uns auf öffentlichem Land und sparten uns Campingplatzgebühren komplett. Unter 860 Euro monatlich, inklusive Essen, war realistisch.
Doch hier kommt der Haken, den Ihnen jeder Influencer verschweigt: Das finanzielle Sparen ging direkt zulasten der mentalen Gesundheit.
Der permanente Stress des mobilen Zuhauses
Wenn Ihr Zuhause auf Rädern steht, fühlt es sich an, als würde es jederzeit geklaut werden können. Das war nur ein kleiner Teil. Der wirkliche Druck war die permanente Instabilität.

Jede Schlaglochfahrt fühlte sich an wie ein Test für die gesamte Konstruktion. Und die Privatsphäre? Die gab es schlichtweg nicht. Überlegen Sie mal, wie oft Sie in einer Woche duschen müssen und wie weit dafür die nächste öffentliche Dusche entfernt ist.
- Keine Garantie für einen sicheren Schlafplatz in der Nacht.
- Jeder Werkstattbesuch war ein potenzieller Totalschaden.
- Familienbesuche bedeuteten stundenlanges Herumfahren.
Ich vermisse den Stress nicht, nachts aufzuwachen und nicht zu wissen, ob mich wütende Bauern oder die Polizei verjagt haben. Das ist keine Freiheit, das ist Angst in Dauerlösung.
Die Wende: Fünf Jahre im Tiny House
Als der Druck zu groß wurde, haben wir den Van endgültig abgestellt und sind in unser 37 Quadratmeter großes Tiny House gezogen. Plötzlich hatten wir fließendes Wasser, Strom, der nicht vom Wetter abhing, und genug Platz, um gleichzeitig am Küchentisch zu sitzen.
Aber seien Sie ehrlich: Das Tiny House war finanziell ein Schock.
Die versteckten Fixkosten, die das Budget sprengen
Unsere monatliche Belastung sprang über Nacht in die Höhe. Hypothek und Pacht für das Grundstück kosteten plötzlich doppelt so viel wie die Van-Rate. Dazu kamen Strom, Wasser, Gas und Internet – schnell 300 Euro im Monat, statt der alten Flasche Propangas für 25 Euro.

Wir mussten sogar einen gebrauchten Zweitwagen anschaffen. Plötzlich waren unsere hart ersparten Reserven aufgebraucht. Aber wir bekamen etwas zurück, das unbezahlbar war: Stabilität.
Wir haben eine Adresse. Wir kennen unsere Nachbarn. Wir haben einen Garten, in dem nichts beim nächsten Windstoß umfällt. Dieses Gefühl der Zugehörigkeit hatten wir auf der Straße nie.
Fazit: Die Ruhe ist der wahre Luxus
Würde ich das Van-Leben wieder wählen? Nein. Wenn ich wählen müsste, behalte ich das Haus, obwohl es komplizierter und teurer ist. Es fühlt sich einfach wie unser Zuhause an.
Ich vermisse die Möglichkeit, vor dem Schnee in südlichere Gefilde zu fliehen, ja. Aber die ewige Bewegung verliert ihren Reiz, wenn man keinen festen Boden hat, von dem aus man überhaupt erst losziehen kann. Die Freude am Reisen entsteht erst durch die Ruhephasen dazwischen.
Jetzt sitze ich morgens mit Kaffee in meinem Schaukelstuhl und plane meine Arbeit für den Tag – ohne das Risiko einzugehen, dass mein Zuhause gestohlen wird oder wir wegen eines Baumstumpfes einen Achsenbruch riskieren. Das lehrt uns das Leben: Manchmal ist Sesshaftigkeit der größte Akt der Selbstfürsorge.
Seien wir ehrlich: Hat euch der Drang nach Minimalismus auch schon einmal an seine psychischen Grenzen gebracht? Teilt eure Erfahrungen in den Kommentaren!









