Stellen Sie sich vor: Sie laufen durch eine normalerweise belebte Fußgängerzone in Ihrer Stadt, vielleicht durch die belebte Einkaufsstraße, und anstelle von Passanten sehen Sie plötzlich Tausende von Fischen, die durch knöcheltiefes Wasser schwimmen. Genau das passiert in Venedig, und die Videos dazu gehen gerade viral. Aber die meisten Leute vermuten das völlig Falsche als Grund.
Was aussieht wie eine Szene aus einem B-Movie, ist im Winter ein echtes Phänomen in der Lagunenstadt. Es ist verlockend zu denken, die Massenflucht der Meeräschen hätte etwas mit Chaos oder Verschmutzung zu tun. Die Realität ist jedoch ein smarter (wenn auch für uns bizarrer) Überlebensplan der Fische.
Das Wasser kommt, die Fische kommen mit
Venedig ist keine gewöhnliche Stadt. Über 118 Inseln, Kanäle statt Straßen – die Gezeiten bestimmen hier den Rhythmus. Zweimal täglich zieht sich das Wasser zurück (Ebbe) oder steigt dramatisch an (Acqua Alta).
Wenn das Wasser hoch steht, nutzen Tausende von Meeräschen (Mugilidae) diese Gelegenheit. Sie schwimmen aus den weiten, kälteren Teilen der Lagune direkt in die überfluteten, engen Gassen der Stadt. Manche denken vielleicht, das ist Zufall, aber hier steckt Strategie dahinter.

Warum die Flucht in die Stadt Sinn macht
In meiner Beobachtung solcher Naturphänomene fällt auf: Wir Menschen suchen Schutz vor Kälte und schlechtem Wetter, die Tiere tun es auch. Die Meeräschen fliehen nicht vor den Touristen, sondern vor der Temperatur.
- Mikroklima: Die engen, flachen Gassen heizen sich schneller auf als die tiefe, kalte Lagune.
- Wärmeübergang: Die Fische suchen ein besseres Mikroklima, um den kalten Winter zu überstehen.
- Nahrungsquelle: Selbst hier finden sie genug Nahrung – hauptsächlich organische Ablagerungen am Boden der Gassen.
Experten der Universität Ca’ Foscari bestätigen: Hierbei handelt es sich um eine gezielte Überlebensstrategie dieser Fische. Was extrem klingt, ist für diese Art normal, da sie extrem anpassungsfähig sind (euryhalin) und sowohl Salz- als auch Süßwasser vertragen.
Der Mythos der städtischen Verschmutzung (und was wirklich lockt)
Viele halten die Stadt für diesen Zeitpunkt für unsauber oder zu voll. Aber das Gegenteil ist der Fall. Wenn das Wasser kälter wird, ist es für die Fische draußen in der offenen Lagune gefährlicher. Die städtischen Kanäle bieten eine Art „Winterkur“.

Das ist der entscheidende Punkt: Diese Fische kehren erst dann zurück, wenn die Kälte vorbei ist. Sobald die Temperaturen in der Hauptlagune wieder angenehmer sind, lösen sich die Schwärme aus den Gassen auf und kehren in ihr gewohntes Habitat zurück.
Was Sie daraus für Ihr Zuhause lernen können
Auch wenn Sie keinen Kanal vor der Tür haben, steckt hier eine Lektion für das Überleben in widrigen Lagen. Wenn die Bedingungen außen harsch sind, suchen wir oft unbewusst nach „engen, geschützten Nischen“, wo die Ressourcennutzung einfacher ist. Denken Sie an Ihre Heizkosten im Winter: Sie optimieren auch Ihren Lebensraum, um Energie zu sparen.
Dieser jährliche Fisch-Transit ist ein perfektes Beispiel dafür, wie perfekt die Natur ihre Systeme justiert hat, auch wenn es für uns manchmal seltsam aussieht, wenn ein Schwarm Forellen an der Bäckerei vorbeizieht.
Was denken Sie: Würden Sie mutiger in einem überfluteten Park herumlaufen, wenn Sie wüssten, dass die Tiere darin Schutz suchen, statt vor etwas zu fliehen?









