Haben Sie auch immer gedacht, Autismus betrifft hauptsächlich Jungen? Diese jahrzehntelange Annahme ist im Kern falsch – und wir haben lange genug kollektiv weggeschaut. Neue, bahnbrechende Daten aus Schweden zeigen: Mädchen sind genauso oft betroffen, werden aber systematisch Jahre später oder gar nicht erkannt. Wenn Sie selbst oder Ihr Kind betroffen sind, müssen Sie jetzt wissen, warum diese Verzögerung verheerend sein kann.
Wir sprechen hier nicht über eine kleine statistische Abweichung. Es geht darum, dass junge Frauen oft durch das Raster fallen, weil ihre Symptome nicht ins traditionelle „Jungen-Schema“ passen. Das hat massive Folgen für die Entwicklung und Behandlung. Ignorieren Sie das nicht, nur weil es Ihnen im Alltag Ihres Umfelds noch nicht aufgefallen ist.
Die schockierende Wahrheit: Gleich viele, aber später erkannt
Lange Zeit galt die Forschung als zementiert: Jungen erhalten Autismus-Diagnosen deutlich häufiger. Aber eine tiefgehende Analyse von über 2,7 Millionen Schweden zeigt, dass sich die Zahlen angleichen, sobald die Betroffenen das junge Erwachsenenalter erreichen. Der Knackpunkt liegt im Alter der Diagnose.
Der entscheidende Altersunterschied
Hier wird es beunruhigend für alle, die auf Muster achten: Bei Jungen schlägt die Diagnosewelle oft schon zwischen 10 und 14 Jahren zu. Bei Mädchen? Deutlich später, meist erst zwischen 15 und 19 Jahren. Das bedeutet jahrelanges „falsch verstanden werden“ für die Betroffenen.

- Jungen: Diagnose-Peak in der frühen Pubertät.
- Mädchen: Nehmen erst im späten Jugendalter auf, um aufzuschließen.
- Erwachsenenalter: Die Zahlen gleichen sich fast vollständig an.
Was dieses Gap bedeutet: Jahre der Unsicherheit, der Stigmatisierung als „schüchtern“ oder „komisch“, weil die Hilfe eben nicht rechtzeitig kam.
Das Phänomen „Masking“: Mädchen lernen zu täuschen
Warum diese Verzögerung? Weil Mädchen oft ein mächtiges, aber erschöpfendes Werkzeug entwickeln: das „Masking“. Stellen Sie sich das wie einen sehr anstrengenden Vollzeitjob vor, bei dem man permanent eine andere Rolle spielt.
In unserem Alltag, gerade hier in Deutschland, wo wir Wert auf Konformität legen, wird dieses Verhalten oft positiv fehlinterpretiert. Fachleute beschreiben es so:
- Soziale Regeln werden akribisch studiert (wie ein Lehrplan).
- Unsicherheiten werden durch übertriebene Freundlichkeit überspielt.
- Fokus liegt auf Anpassung statt auf offenem Rückzug.
Ich habe in meiner Praxis oft gesehen, wie erschöpft diese jungen Frauen sind, weil sie unbewusst jeden Tag Höchstleistungen im Schauspiel vollbringen müssen. **Der Autismus ist da, aber er ist perfekt getarnt.**
Die Falle der traditionellen Diagnostik
Ein weiterer Grund liegt in den Werkzeugen selbst. Viele Skalen, mit denen Ärzte arbeiten, wurden primär an männlichen Probanden entwickelt. Wenn Symptome subtiler sind – weniger auffällige Wiederholungsbewegungen, aber stärkere innere Anspannung (Wrestling mit dem Sensorischen) – greifen die alten Messinstrumente oft nicht.

Sanna Stroth von der Universität Marburg bringt es auf den Punkt: „Ihre Symptome erscheinen häufig subtiler.“ Wir müssen unseren Blickwinkel ändern, weg vom Stereotyp des Jungen, der Dinge fallen lässt, hin zur erschöpften, sozial engagierten jungen Frau.
Der praktische Tipp: Worauf Sie jetzt achten sollten
Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Kind (oder Sie selbst) nicht ganz ins soziale Bild passt – und diese Verzögerung vermuten –, verlassen Sie sich nicht nur auf die erste oberflächliche Einschätzung. Hier ist der Lifehack:
Prüfen Sie nicht nur das Verhalten, sondern fragen Sie nach der inneren Erfahrung. Statt zu fragen „Wie war dein Tag?“, fragen Sie spezifisch: „Welche Situation heute hat dich am meisten Energie gekostet, obwohl du nach außen ganz ruhig warst?“ Die Antwort darauf ist oft der Schlüssel, der die Maske lüftet.
Die gute Nachricht ist: Das Bewusstsein wächst. Aber wir müssen schneller werden. Was denken Sie? Haben Sie selbst erlebt, dass das Umfeld Autismus bei Mädchen lange ignoriert oder falsch interpretiert hat?








