Warum man im Tal bei minus 45 Grad nichts ankohlt: Das Rätsel vom „Kälteloch“

Stellen Sie sich vor, Sie packen Ihre Winterjacke aus, aber selbst die fühlt sich gegen diese Kälte machtlos an. Deutsche Winter sind oft mild, aber in einem verborgenen Alpen-Kessel, dem Funtensee, herrschen Temperaturen, die nach Sibirien klingen: eisige minus 45,9 Grad wurden hier gemessen. Das ist nicht nur kalt, das ist ein Rekord, der alle anderen in den Schatten stellt.

Sie denken, Sie kennen extreme Kälte? Vergessen Sie es. Dieser kleine Bergsee ist ein geologisches Wunder und ein Meteorologen-Albtraum zugleich. Wir zeigen Ihnen, warum dieser Ort ein „Kälteloch“ ist und welches Baum-Rätsel die Wissenschaft bis heute nicht lösen kann.

Die Schüssel der Arktis: So entsteht die Tiefsttemperatur

Der Funtensee, eingebettet in die majestätischen Berchtesgadener Alpen, ist ein Meisterwerk der Natur für die Kälteproduktion. Klar, es ist kalt in den Bergen, aber hier ist es *extrem* kalt. Der absolute Rekord von minus 45,9 Grad wurde zwar von einer Privatstation gemessen, aber die Messreihe des DWD bestätigt die Nähe zu diesem Wahnsinn.

Wie wird so eine Eisscholle im Sommer geboren? Es sind drei Zutaten, die wie eine geheime Rezeptur wirken:

  • Die Geometrie: Der See liegt in einer Art tiefer Mulde, umgeben von Bergen, die über 2000 Meter hoch sind. Er ist regelrecht eingekesselt.
  • Die Drainage-Falle: Das Wasser versickert im Karstboden. Rundherum bildet sich eine Schwelle, die fast 100 Meter höher ist als der Wasserspiegel. Experten beschreiben es wie eine Suppenschüssel: Die kalte Luft kann nicht abfließen.
  • Die Abschattung: Im Winter kommt die Sonne hier nur für wenige Stunden an den spärlichen Tag. Die Wärme kann nicht zurückgeholt werden.

Wenn die Luft nicht fliehen kann: Das Inversions-Geheimnis

Meteorologen sprechen von einer klassischen Inversionswetterlage, aber hier ist der Effekt brutal verstärkt. Ich habe mit einem lokalen Ranger gesprochen, und seine Erklärung ist genial einfach: Die kalte Luft kriecht nachts die Berge hinab und sammelt sich wie ein dichter Schleier am tiefsten Punkt – dem See.

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Das Entscheidende dabei: Damit diese Luft nicht entkommt, muss es windstill sein. Und damit die Kälte maximal wird, muss der Himmel wolkenlos sein. Nur dann kann die Bodenwärme ungehindert ins All entweichen. Liegt dann noch Schnee auf dem gefrorenen See, fehlt jegliche Erwärmung von unten. Es ist ein perfektes, tödliches Kältesignal.

Das verwirrende Baum-Rätsel: Warum hier Wald fehlt

Aber hier wird es wirklich seltsam, und das ist der Punkt, den viele übersehen. Wenn Sie am Ufer des Funtensees stehen, bemerken Sie eine doppelte Baumgrenze – oder besser gesagt, das Fehlen von Bäumen genau dort, wo sie eigentlich sein müssten.

Normalerweise werden Pflanzen in den Alpen langsam kleiner, je höher man kommt. Am Funtensee gibt es einen Schockmoment: Direkt am See ist tote Zone, und erst hundert Meter höher fangen die Bäume (Lärche und Zirbe) wieder an zu wachsen.

Die populäre Meinung? Die extreme Kälte tötet die Setzlinge immer wieder ab.

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Doch Ranger Egger hat eine andere Theorie, die auf den ersten Blick paradox klingt: Er glaubt, dass die Bauern ihr Vieh *deshalb* dorthin trieben, weil *kein* Wald da war, um ihn zu roden! Wer glaubt, der Mensch müsse alles zerstört haben, irrt sich hier möglicherweise. Die extreme Kälte könnte der ursprüngliche Wald-Killer sein. Oder war es doch die Beweidung über Jahrhunderte?

Man kann es kaum beweisen, aber dieser Wald-Ausfall ist ein faszinierendes Nebenprodukt der Eis-Falle.

Wichtiger Hinweis für alle Wetter-Fans

Obwohl der Funtensee den absoluten Negativrekord hält, führt ihn der Deutsche Wetterdienst (DWD) nicht als offiziell kältesten Ort Deutschlands. Warum? Weil diese Messstelle so extrem und isoliert liegt, ist sie für statistische Vergleiche mit dem Flachland weniger repräsentativ. Der offizielle, wenn auch „mildere“, Rekordhalter ist Wolnzach-Hüll mit minus 37,8 Grad aus dem Jahr 1929.

Das zeigt: Wir haben in Deutschland Höhlen der Kälte, deren Werte selbst Meteorologen nur staunend zur Kenntnis nehmen. Aktuell sind für den See Tiefstwerte um minus 33 Grad vorhergesagt – die Sonne soll aber scheinen, was die Szenerie noch dramatischer macht.

Haben Sie in Ihrer Region schon einmal Temperaturen erlebt, die sich angefühlt haben, als wären Sie auf der sibirischen Tundra gelandet? Schreiben Sie es unten in die Kommentare!

Philip Wienberg
Philip Wienberg

Co-founded Germany's first alcohol-free craft beer brand in 2018. Now a freelance Copywriter & Creative Director with 15+ years in top German ad agencies. Led teams of 30+ creatives, winning 100+ awards together - some even for real work, not just the award circuit.

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