Warum Van-Leben nur Fake ist: Was uns die Freiheit damals wirklich kostete

Sie lieben die Bilder: Sonnenuntergang, Freiheit, keine Miete. Wir auch. Mein Partner und ich lebten zwei Jahre lang im Camper-Van und dachten, wir hätten den ultimativen Lifehack gefunden. Doch hinter den Instagram-Filtern verbarg sich ein Albtraum aus Stress und Unsicherheit, der uns am Ende in ein Tiny House trieb.

Wenn Sie gerade Ihren alten Transporter zählen, um ihn zum Wohnmobil umzubauen, lesen Sie das hier zuerst. Denn manche Kosten bekommt man nicht in die Monatsrechnung, aber sie fressen die Seele auf. Unsere Reise ging vom Van ins Haus – und das war die Lektion, die wir nie erwartet hatten.

Die erste Illusion: Unglaubliche Ersparnis

Anfangs fühlte es sich an wie geschenktes Geld. Wir kauften einen großen Van für rund 34.400 Euro (damals) und investierten weitere 8.600 Euro für den Umbau – der Großteil davon ging in die Solaranlage, um unabhängig zu sein. Sehr bald merkten wir: Wenn man es richtig anstellt, sind die fixen Kosten minimal.

Im Vergleich zu einer deutschen Mietwohnung konnten wir die monatlichen Ausgaben auf unter 860 Euro drücken. Nur drei größere Posten gab es monatlich:

  • Kreditrate für den Van (ca. 340 Euro)
  • Versicherung (ca. 130 Euro)
  • Spritkosten (schwankend, ca. 170 Euro)

Wir nutzten kostenlose Stellplätze oder Wildcamping. Klingt ideal, oder? Aber hier beginnt der Haken, den viele übersehen, wenn sie die Bilder sehen.

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Der Preis der Freiheit: Stress ist nicht versicherbar

Der finanzielle Druck war gering, aber der psychische Druck war erdrückend. Mit allem, was man besitzt, auf vier Rädern zu leben, bedeutet: Alles kann jederzeit kaputtgehen oder gestohlen werden.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir bei einem Baumstumpf falsch kalkulierten – und plötzlich stand unser Zuhause unter Schock. Wenn Sie in einer Wohnung wohnen und etwas kaputtgeht, rufen Sie den Vermieter oder Handwerker. Im Van? Sind Sie Ihr eigener, gestresster Handwerker, mitten im Nirgendwo.

Die heimliche Einsamkeit und die Parkplatz-Angst

Freunde und Familie besuchen? Das bedeutete stundenlanges Fahren. Und die Privatsphäre? Existierte schlichtweg nicht. Das war noch vor der Pandemie.

Als Corona kam, wurde es noch schlimmer. Sobald wir mit unserem auswärtigen Kennzeichen auf einem Supermarktparkplatz auftauchten, um Lebensmittel zu holen, ernteten wir sofort misstrauische Blicke. Man fühlte sich wie der störende Außenseiter. Unsere ganze Existenz wirkte auf andere nur vorübergehend, unwichtig. Das nagt an der Seele.

Der Gipfel war die Ungewissheit, wo wir die Nacht verbringen würden. Ich vermisse nicht den Adrenalinkick, wenn man nicht weiß, ob man von Kühen, wütenden Bauern oder der Polizei geweckt wird, weil man unabsichtlich auf Privatgrundstück geparkt hat. Freiheit fühlte sich plötzlich wie totale Instabilität an.

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Der Sprung ins Tiny House: Mehr Hypothek, mehr Ruhe

Wir tauschten die Räder gegen Wände. Unser 37 Quadratmeter großes Tiny House brachte uns Dinge, die der Van uns nicht geben konnte: fließendes Wasser, Strom, der vom Wetter unabhängig war, und genug Platz, um nicht ständig Ellenbogen aneinanderzustoßen.

Achtung, der finanzielle Schock kam sofort:

  • Die Kosten für Hypothek und Pacht waren doppelt so hoch wie die alte Van-Rate.
  • Nebenkosten (Strom, Wasser, Internet) ersetzten die Propangasflasche und kosteten nun rund 300 Euro monatlich.

Unsere Ersparnisse schmolzen dahin, als wir noch ein normales Auto für den Alltag anschaffen mussten. Rein rechnerisch war das Tiny House ein massiver finanzieller Rückschritt.

Warum das Haus trotzdem gewinnt

Trotz der höheren Fixkosten und des fehlenden „Freiheits-Dramas“ war die emotionale Bilanz eindeutig. Wir haben jetzt eine Adresse, wir kennen unsere Nachbarn. Wir können Kräuter im Garten ziehen und auf einer Veranda sitzen, die nicht bei jedem Windstoß wackelt.

Ich gebe zu, ich vermisse die Stille mancher entlegener Bergcamps, oder die Möglichkeit, im Winter einfach nach Süden zu fahren. Aber die ewige Bewegung ermüdet, wenn sie das Einzige ist, was man kennt. Man braucht den festen Boden, damit die Bewegung überhaupt noch Sinn ergibt.

Das Tiny House fühlt sich uns*er* an. Und dieses Gefühl von Zugehörigkeit, das man für Geld nicht kaufen kann, ist unbezahlbar, selbst wenn die monatliche Rechnung höher ist. Was denken Sie: Würden Sie die emotionale Stabilität gegen finanzielle Flexibilität eintauschen?

Philip Wienberg
Philip Wienberg

Co-founded Germany's first alcohol-free craft beer brand in 2018. Now a freelance Copywriter & Creative Director with 15+ years in top German ad agencies. Led teams of 30+ creatives, winning 100+ awards together - some even for real work, not just the award circuit.

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