Weglassen hat mich fast ruiniert: Warum ich als Ernährungsberater jetzt doch zu Saucen aus der Flasche greife

Zwei Jahre lang dachte ich, ich sei der König der gesunden Ernährung. Ich habe extrem verarbeitete Lebensmittel konsequent von meiner Einkaufsliste gestrichen. Das Ergebnis? Ein Leben, das sich anfühlte, als würde ich permanent einen Wachdienst schieben – nur um gesund zu essen. Wenn Sie denken, radikaler Verzicht sei der Schlüssel, lesen Sie das hier, bevor Sie Ihren Supermarkt-Einkaufswagen wieder mit „sauberen“ Zutaten überladen.

Ich muss gestehen: Ich lag falsch. Mein Experiment lief zwei Jahre lang, und es hat mich an den Rand eines Burnouts gebracht. Nicht wegen des Essens selbst, sondern wegen des Aufwands. Heute weiß ich, dass der Schlüssel nicht im Null-Verzicht liegt, sondern in der strategischen Kapitulation vor der Zeit.

Die Mythenjagd: Was „verarbeitet“ wirklich bedeutet

Verarbeitete Lebensmittel sind ein riesiger Begriff. Beim Hören denken Sie sofort an Tiefkühlpizza, oder? Völlig richtig. Aber auch das Vollkornbrot aus dem Regal oder sogar einfache Dinge wie Ketchup fallen in diese Industrie-Kategorie. Sie enthalten Zutaten, die Sie nie in Ihrer Küche finden würden – optimiert für Haltbarkeit und maximalen Geschmack (sprich: Zucker, Fett, Salz).

Phase 1: Der radikale Entzug (und warum er scheiterte)

Vor 24 Monaten habe ich radikal umgestellt. Ich kochte alles frisch. Ich las jede einzelne Verpackung. Ketchup? Verboten. Brot vom Bäcker? Nein, nur selbst gebacken. Ich war wie ein nervöser Türsteher meiner eigenen Ernährung.

Drei Monate lang habe ich das durchgezogen. Aber seien wir ehrlich: Im stressigen Alltag, wenn man zwischen Meetings und Deadlines pendelt, ist das keine Ernährungsumstellung, das ist ein Vollzeitjob. Der Konsumverzicht war perfekt, die Nachhaltigkeit – gleich null. Ich war erschöpft, und Essen wurde zur Last.

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Die psychologische Wende: Bequemlichkeit schlägt Perfektion

Ich musste umdenken. Viele vergessen, dass Ernährung auch mit Mental Health zu tun hat. Wenn der Weg zur gesunden Mahlzeit kompliziert ist, gewinnen immer die Schokoriegel aus dem Automaten.

Mein neuer „gesunder Mittelweg“ – die drei Annahmen

Heute integriere ich gezielt „smarte“ verarbeitete Produkte. Ja, ich nutze fertige Pasta-Sauce. Aber die Wahl ist entscheidend. Wir lernen gerade, dass nicht alles aus der Fabrik schlecht ist:

  • Angereicherte Frühstücksflocken können wichtige Vitamine liefern, wenn es morgens schnell gehen muss.
  • Manche Joghurts sind hervorragende Protein- und Kalziumquellen.
  • Der Kniff ist: Man muss die Etiketten nicht wie einen Detektiv sezieren, sondern die großen Kalorienbomben meiden.

Ich priorisiere Bequemlichkeit, aber auf meinem Niveau. Es geht darum, einfach *möglich* zu essen, nicht maximal *kompliziert*.

Der praktische Hack: Clever kühlen statt einfrieren

Als ich noch komplett frisch kochte, habe ich große Mengen vorbereitet und eingefroren. Das klang super effizient. Aber hier kommt der subtile Killer, den viele übersehen:

Das Essen stand einfach im Gefrierschrank. Ich konnte mich tagelang nicht aufraffen, die Portionen aufzutauen. Der gefrorene Block schrie mich an: „Arbeit!“

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Meine Lösung? Ich koche immer noch große Mengen, aber ich nutze den Kühlschrank als Puffer. Ein Putenchili oder ein Eintopf hält sich perfekt für drei bis vier Tage. Ich variiere die Beilagen: heute mit Reis, morgen auf einer Ofenkartoffel, übermorgen im Wrap. Das spart das stressige Auftauen und bietet Abwechslung.

Der Zeitspar-Profi in der Küche

Um die reine Kochzeit drastisch zu reduzieren, habe ich mir einen Schnellkochtopf (Instant Pot) gegönnt. Das Ding ist Gold wert, besonders wenn man wenig Zeit hat. Es gart stundenlange Gerichte in einem Bruchteil der Zeit, und das Beste: Ich muss nicht danebenstehen und rühren, wie ein Alchemist über seinem Kessel.

Die Gerichte, die ich früher stundenlang langsam geköchelt habe, sind jetzt in 40 Minuten fertig und schmecken identisch. Das hat meine Kochroutine revolutioniert, ohne dass ich auf meine bevorzugten Schmorgerichte verzichten musste.

Was bedeutet das für Ihre Woche?

Wir müssen aufhören, uns selbst für den Griff zur industriell hergestellten, aber nährstoffarmen Option zu verurteilen. Wer in Deutschland lebt und einen anspruchsvollen Job hat, braucht Pragmatismus. Akzeptieren Sie, dass eine gute, gekaufte Pastasauce viermal pro Woche besser ist als drei Tage lang gar nicht kochen und dann zum Pizzaboten greifen.

Es geht um die Masse der echten Lebensmittel, die Sie essen – nicht um die absolute Vermeidung aller Annehmlichkeiten. Wo haben Sie in der letzten Woche unnötig viel Zeit mit Kochen verbracht, nur um perfekt zu sein? Teilen Sie Ihre „Kapitulationszonen“ in den Kommentaren!

Philip Wienberg
Philip Wienberg

Co-founded Germany's first alcohol-free craft beer brand in 2018. Now a freelance Copywriter & Creative Director with 15+ years in top German ad agencies. Led teams of 30+ creatives, winning 100+ awards together - some even for real work, not just the award circuit.

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