Wer immer alles richtet, wird nie befördert – Experten warnen vor dieser Karriere-Falle

Sie fühlen sich als der Fels in der Brandung? Wenn im Büro das Chaos ausbricht, sind Sie derjenige, der sofort bereitsteht nach dem Motto: „Ich kann es richten, also muss ich es tun“? Auf den ersten Blick wirkt dieses extreme Verantwortungsgefühl wie die Eintrittskarte zur Beförderung. Doch wir haben mit Experten gesprochen, und die Wahrheit ist hart:

Dieser verbissene Einsatz macht Sie nicht zum Helden, sondern zur Zielscheibe für Burnout und Frust. Wenn Sie das Gefühl haben, für Fehler im Team, das Befinden der Kollegen und Ergebnisse zahlen zu müssen, für die Sie nur zu 10 Prozent verantwortlich sind, dann lesen Sie weiter. Wir zeigen Ihnen, wann Ihr gutes Gewissen Sie systematisch ausbremst.

Der lautlose Karrierekiller: Was steckt hinter der „Überverantwortung“?

Auf dem Papier ist Verantwortung übernehmen toll – es zeigt Engagement. Psychologen wie Nils Spitzer sehen darin sogar den Gegenteil von Egoismus. Aber es gibt eine schmale Linie, die viele überschreiten, ohne es zu merken. Wer diese Linie ständig übergeht, neigt zur „stabilen Neigung, sich in belastend vielen Situationen Verantwortung aufzubürden“.

In der Praxis sieht das oft so aus:

  • Sie mischen sich ständig in fremde Arbeitsbereiche ein, die Sie nichts angehen.
  • Sie erledigen Aufgaben so gründlich, dass Sie dreimal mehr Zeit verbrauchen, als nötig.

Heidi Steinberger von der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung sagt: „Viele halten das lange für normal. Es fühlt sich einfach richtig an und wird Teil der beruflichen Identität.“ Bis der Moment kommt, in dem das Gefühl von „richtig“ in puren Zynismus umschlägt, weil Ihnen alles auf den Schultern liegt.

Die Falle der Kontroll-Illusion

Was treibt Sie an, dieses unnötige Gewicht zu tragen? Oft ist es eine tiefe Überzeugung, die wissenschaftlich als Kontroll-Illusion bezeichnet wird: „Ich kann es richten – also muss ich es tun.“

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Das Problem? Sie verwechseln Handlungsmacht mit der gesamten Verantwortung. Hinzu kommt meist ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung, gepaart mit einem unterschwelligen, geringen Selbstwertgefühl. Wir wollen beweisen, dass wir unverzichtbar sind.

In modernen Firmenstrukturen, gerade in Matrixorganisationen, wird das Problem verschärft. Klare Rollen fehlen oft. Das führt zu einem inneren Zwang, *jeden* zufriedenstellen zu müssen. Anstatt Klarheit einzufordern, nehmen Sie die Lücke einfach selbst brutal – und ungesund – in Kauf.

Die ernüchternden Konsequenzen: Stress und Stagnation

Die Warnsignale sind oft körperlich und beruflich. Dr. Spitzer warnt vor chronischer Anspannung. Wer immer glaubt, mehr arbeiten zu müssen, weil er mehr Verantwortung trägt, ist nie sicher, ob seine Leistung ausreicht. Auf lange Sicht drohen hier Burnout, Angststörungen oder sogar Depressionen.

Aber es trifft auch Ihre Karriere direkt. Wenn Sie ständig einspringen, etablieren Sie einen unnötigen Standard. Kollegen und Vorgesetzte gewöhnen sich daran. **Ihr übermäßiger Einsatz wird nicht etwa belohnt, er wird zur Erwartungshaltung.** Statt Lob gibt es nur: „Super, dass Sie das wieder gerichtet haben.“ Entlastung? Fehlanzeige.

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Praxistipp: Wie Sie die Fesseln der Verantwortung ablegen

Es ist Zeit, Verantwortung gezielt neu zu verteilen. Wir reden hier nicht davon, plötzlich faul zu werden, sondern klüger zu arbeiten.

Schritt 1: Die kritische Frage stellen. Bevor Sie eine übernommene Aufgabe durchwinken (besonders wenn es um die Buchhaltung der Azubis geht, obwohl Sie im Marketing sind), fragen Sie sich: Ist das *wirklich* mein Zuständigkeitsbereich – oder nehme ich nur an, dass ich der Einzige bin, der es kann?

Schritt 2: „Gut genug“ zulassen. Das ist hart, aber essenziell. Geben Sie Aufgaben gezielt ab. Beobachten Sie, wie andere sie lösen. Ihr Kollege macht das anders? Wunderbar! Lassen Sie es zu. Der Weltuntergang bleibt meist aus, wenn andere mit 80% Ihrer Gründlichkeit arbeiten.

Schritt 3: Bewusste Puffer schaffen. Nehmen Sie nicht jede E-Mail oder jede Bitte sofort an. Bauen Sie zeitliche Puffer ein. Sagen oder denken Sie: „Lassen Sie mich prüfen, wann ich das einordnen kann.“ Das gibt anderen die Chance, sich einzubringen und nimmt den Druck vom sofortigen Handeln.

Bonus-Tipp für Organisation: Fassen Sie im Team schriftlich zusammen, wer für welche Schnittstelle zuständig ist. Das entlastet den Kopf immens, da der innere Drang, alles im Kopf zu behalten, nachlässt.

Sich selbst aus dieser Falle zu befreien, ist schwierig, weil der innere Zwang so tief sitzt. Wenn Sie merken, dass diese Überverantwortung Sie chronisch krank macht oder Sie im Job stagnieren lässt, zögern Sie nicht: Hier kann eine gezielte Therapie Wunder wirken. Denn Ihre Gesundheit ist wichtiger als das perfekte Einspringen bei jedem Problem.

Wie oft erwischen Sie sich dabei, dass Sie Dinge regeln, die eigentlich nicht Ihre Aufgabe sind? Teilen Sie Ihre hartnächlichen Fälle unten in den Kommentaren!

Philip Wienberg
Philip Wienberg

Co-founded Germany's first alcohol-free craft beer brand in 2018. Now a freelance Copywriter & Creative Director with 15+ years in top German ad agencies. Led teams of 30+ creatives, winning 100+ awards together - some even for real work, not just the award circuit.

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